Warum tust du dir das an?

Menschen. Überall Menschen. Und sie versperren mir auch noch den Weg. Genervt steige ich aus dem Zug. Schon wieder nicht geschafft als eine der Ersten raus zukommen, so wäre ich dem Gedränge auf der Treppe entgangen. Mit dem schweren, mit Mohnblumen bemusterten Rucksack, der aus ästhetischen Gründen trotzdem nur auf einer Schulter getragen wird, schleppe ich mich die Stufen hoch. Endlich oben. Menschen hasten an mir vorbei, rufen sich irgendwelche Sachen zu und rempeln sich an. Ich schlage mich zu „Le Crobag” durch und will mir eine Laugenbrezel kaufen. Frauen mit Rollkoffern versuchen sich vorzudrängen, was ich jedoch nicht zulasse. Die Verkäuferin kann mir dieses eine Mal nicht falsch rausgeben, das Geld hab ich passend.
So nehme ich den Hamburger Hauptbahnhof morgens um halb 8, auf dem Weg zur Schule, wahr. Vom Hauptbahnhof geht es weiter zur U 3 bis nach Mundsburg.
Die U-Bahn ist immer um diese Uhrzeit überfüllt, doch ich schaffe es noch mir einen Sitzplatz zu ergattern. Ein wenig tut mir die alte Frau die jetzt stehen muss leid, doch der Mann neben mir kann ja auch aufstehen, finde ich. Endlich, 7 Minuten später, die sich anfühlten wie eine halbe Stunde, stehe ich im U-Bahnhof Mundsburg, sehe schon viele Leute aus meiner Schule.
Wie können
Kaum bin ich aus dem Bahnhof raus, sehe ich auch schon die vielleicht 50 m entfernte Ampel von grün auf rot springen.die so gut gelaunt sein morgens?
Rennen oder nicht rennen?
Während ich noch überlege, fahren schon die ersten Autos. Nicht rennen.
Also stehe ich geduldig an der Ampel und warte. Und warte. Und warte. Bis sie endlich wieder in einem wunderschönen Grün erstrahlt.
Dann durch den Mundsburgcenter, links abbiegen, rechts abbiegen – Tadaaaa, meine Schule!
Das ist der Teil den ich von Hamburg kenne. Hin und wieder war ich mal in der Stadt und bin ein wenig herumgeirrt, aber diese Strecke kenne ich wirklich.
Ich bin in Düsseldorf geboren , ein paar Jahre dort aufgewachsen, dann wohnte ich in einem Dorf nahe Nürnberg und nun in Lübeck.
Lübeck ist klein und gemütlich. Hier gibt es keine U-Bahn, hier ist nicht so ein Stress und irgendwie ist es ruhiger.
In Hamburg nerven mich manchmal die vielen Leute um mich herum, die weiten Wege oder dass man sich so leicht verirren kann.
Trotzdem mag ich Hamburg lieber. Diese Stadt ist groß, hell, offen, vielfältig und beeindruckend.
Wenn ich nicht regelmäßig in Hamburg wäre, würde ich wirklich was vermissen.
Das merke ich besonders jetzt, wo ich krank bin und das Bett in Lübeck hüten muss.
Ich habe nichts womit ich meine abendliche Grummeligkeit
(„Ich bin heute mit einem überfüllten Zug nach Hamburg gefahren und dort durch die Gegend gerannt, das war total anstrengend!”)
oder meinen chronischen Geldmangel
(„Mamaaa, ich brauch Geld. Ja, aber..Weil…Die Verkäuferin bei KFC im Hamburger Hauptbahnhof gibt das Wechselgeld immer falsch raus, dafür kann ich doch nichts! Krieg ich jetzt das Geld?”)
begründen könnte oder wovon ich schwärmen könnte
(„Im Zug war heute wieder dieser eine Mensch, der ist totaaal hübsch. Ja, okay, er hat ne Freundin…Aber das ist doch egal. So zum Anhimmeln geht’s doch. Aber das ist trotzdem gemein von ihm. Sie einfach so auf dem Bahnsteig vor MEINEN Augen zu küssen. Ich geh jetzt Frustessen. Mäh.”).
Zudem ist Hamburg sehr groß.
Ich würde gerne wenn ich mal erwachsen bin dort wohnen und arbeiten. Dann könnte ich täglich mit der U-Bahn zum Arbeitsplatz fahren und wenn ich Pause mache irgendwo schnell was zu Essen holen um dann weiterzuarbeiten und hin und wieder aus dem Fenster auf die Alster schauen. Wenn ich dann Feierabend habe, fahr ich noch schnell einkaufen, und dann nachhause. Und mein zuhause wäre eine schöne Wohnung, in einem dreistöckigem Haus mit netten Nachbarn.
Aber jetzt ist es noch nicht so weit.
Noch pendle ich.
Von meinen Klassenkameraden höre ich daher häufig die Frage „Warum tust du dir das an?”.
Ja, warum tu ich mir eigentlich an?
Um 5 Uhr morgens aufstehen, zum Zug hetzen, 45 Minuten fahren und bis ich an der Schule bin dauert es nochmal 15 Minuten. Ein paar Stunden dort ausharren und dann geht es auf dem selben Weg wieder zurück.
Diese Frage beantworte ich häufig mit einem Schulterzucken und „Ich mag Hamburg nun mal.”
Darauf folgt dann „Ich könnte das nie!”.
Hm. Ich schon. Es lohnt sich.
Malva ist 16 Jahre alt, lebt in Lübeck und das ist sein Bewerbungstext für die Sommerakademie.

