StuttgART in SZENE
Irgendetwas tickt da unter Stuttgarts tüchtiger „Häuslesbauer“-Haut immer lauter, und es hat bestimmt nichts mit Stuttgart 21 zu tun. Der Bürger wird hellhörig – und es gibt kaum einen, der noch nie von den Wagenhallen gehört hat. Doch welch ungeheures Stadtmärchen sich nur zwei Haltestellen von seinem heißdiskutierten Hauptbahnhof entfernt abgespielt hat, fällt ihm nicht einmal in seinen kühnsten Träumen ein.
Eine Reportage von Elena Ziegler Ruiz
Zehn Jahre ist es her, dass der selbstständige Unternehmensberater Thorsten Gutbrod gemeinsam mit seinem Partner Stefan Mellmann den „Kulturbetrieb Wagenhallen“ übernahm: Eine Gruppe Künstler hatte sich damals in den Kopf gesetzt, in den eigentlich zum Abriss bestimmten Nordbahnhof der Stadt einzuziehen. „Die ersten drei Jahre waren Mord und Totschlag“, sagt er grinsend. Das ganze Gelände befand sich in halb abgerissenem Zustand, Betonpforten versperrten den Hof, und die Künstler weigerten sich ihre Mieten zu zahlen. Erst als sie feststellten, dass der Großteil von ihnen unter dem Sternzeichen Fisch geboren war, packte sie der Ehrgeiz und das graue Brachland inmitten von verwildertem Grün verwandelte sich in eine innerstädtische Oase mit Beachvolleyballfeld und Swimmingpool. Besucher verirrten sich höchstens durch Zufall in die Hallen und „raus“ habe er überhaupt nicht mehr gewollt, behauptet Gutbrod. Seine Gründe bringt er sogleich auf den Punkt: „Wer hat schon mitten in ´ner Stadt ein paar Hektar für sich?“
Wer ihn sieht, mit wilder schwarzer Haarmähne und schalkhaftem Grinsen, glaubt ihm aufs Wort, wenn er behauptet: „Ich bin schon mutiert hier, in den vielen Jahren.“
Heutzutage sind Pool und Volleyballfeld einer Berufsschule gewichen und viele Künstler des alten Kerns touren inzwischen durch Deutschland. Auch der Kulturbetrieb hat sich gewandelt. Durch Eventmanagement für große, ortsansässige Firmen finanziert er ein vielfältiges Programm aus Ausstellungen, Konzerten und Partys und hat sich sogar international einen Namen gemacht. Dass der ganze Betrieb ursprünglich nur als Zwischennutzung konzepiert war, hat seinen Erfolg laut Gutbrod nur katalysiert: „So gibst du ohne Überlegen Vollgas, einfach Vollgas.“
Inzwischen sind die Künstler nicht mehr aus den Wagenhallen wegzudenken. Über 20 Firmen aus allen erdenklichen Kunstzweigen von Architektur, über Film, Musik und Grafik bis hin zur klassischen Malerei und Zeichnung haben sich in den Hallen etabliert. Somit läuft dort auch ein breit gefächertes Netzwerk zusammen, das neue Kooperationen begünstigt. Die noch dazu niedrigen Mietkosten machen den Arbeitsplatz perfekt. Im unmittelbaren, brachliegenden Umfeld findet Bildhauer Thomas Putze die benötigte innere Ruhe, um mit Flex und Motorsäge seinen Holzskulpturen die eigene Persönlichkeit einzuhauchen. Der Status Subkulturstätte, der den Wagenhallen immer noch anhaftet, sei für ihn mittlerweile aber inszeniert – Stuttgarts wahre Subkultur spiele sich in schmutzigen Probekellern ab, im blinden Winkel des Presseauges. Auch wenn es nicht so scheine – „Das ist hier schon die Stadt des Understatements!“, postuliert er.
Dass man gleichzeitig in Stuttgart weniger verstreut sei als in Berlin, gebe dem Ganzen eine eigene Schönheit. Denn das Netzwerk an Subkulturen unterspanne Stuttgart wie jede Großstadt, aber nach wenigen Verknüpfungen schließen sich die Kreise wieder.
Das Problem sei nur, dass die Wagenhallen zu den letzten wenigen Ruheoasen in Stuttgart zählen, die sich dem Wahnsinn lückenloser Stadtplanung widersetzen und Subkulturen somit eine Chance geben, sich zu entfalten. „Diese Orte gibt es natürlich“, wirft der Künstler ein, nur brauche es Leute, die sie mit friedlich-kreativen Absichten besetzen und bespielen.
Solche Ideen finde man unter anderem in der Street Art wieder, die ihre Stuttgarter Basis im Graffiti-Shop „Thirdrail“ hat. Seit 2006 deckt dieser nicht nur den Materialbedarf der Szene, sondern verteilt auch Aufträge und organisiert Malaktionen. Thirdrail-Verkäufer Benny San schätzt Stuttgarts Graffiti-Szene als besonders gewaltlos und qualitativ hochwertig im Vergleich zu anderen Städten ein. Mit nur einer einzigen legalen Sprühwand, der Wall of Fame in Cannstatt, zeige sich aber auch an dieser Stelle akuter Mangel an Entfaltungsraum.
Ein Haus zu besetzten, davon träumen zwei neunzehnjährige Stuttgarter Street-Artisten, die schon seit der fünften Klasse gemeinsam in der Szene unterwegs sind, und die aus Anonymitätsgründen nur unter dem Pseudonym „ein Fisch und Doof“ genannt werden, schon lange. Aber trotz der Überzeugung, dass viele junge Subszenenprotagonisten nur darauf warten, sich einer Besetzung anzuschließen – den mutigen Anfang wagen sie bisher noch nicht. Zumindest erste Vorerfahrungen haben sie bereits gesammelt, als sie sich vergangenes Sylvester einer leerstehenden Fabrikhalle bemächtigten: Mit zehn Kästen Bier und einem befreundeten DJ luden sie zur Neujahrsfete ein – und wurden von 300 Gästen überrollt. „Ging ziemlich in die Hose“, geben sie zu, „aber an sich war´s schon cool.“ Wiederholen würden sie es auf jeden Fall, nur besser organisiert. Die Kasse würden sie sich kein zweites Mal stehlen lassen.
Auf offiziellem Wege hat der Kunststudent Erik Sturm und sein Team „Lotte“ einen Ort neu bespielt: Seit Mai 2012, nach monatelangem bürokratischem Kampf mit dem Land, sind sie Mieter von 40 Quadratmetern Freiraum, nur einen Katzensprung von Hauptbahnhof entfernt. Wenn keine künstlerische Ausstellung ihn besetzt, stellt ihr kleiner Raum sich durch seine großen Schaufenster selbst aus: Seine gähnende Leere, die rohen Verputzungsnähte an Decke und Wänden, den fleckigen Betonboden. „Wir haben versucht, ihn so leer wie möglich zu kriegen, aber ohne ihn schön zu machen“, erklärt Sturm. Ferner soll „Lotte“ im Sinne ihrer Begründer Studenten verschiedener Stuttgarter Hochschulen zum Dialog verbinden.
Die gerissensten Freiraumschützen der ganzen Stadt scheinen jedoch ganz klar immer noch Thorsten Gutbrod und Stefan Mellmann vom Kulturbetrieb der Wagenhallen zu sein. Nach dem Auszug der Stadtbibliothek haben sie im Jahr 2012 das Rennen um die Zwischennutzung des zentralstädtisch gelegenen Wilhelms Palais gewonnen. 2016 soll der königliche Wohnsitz Stätte des neuen Stadtmuseums werden, aber zumindest temporär haben die glücklichen Palastherren nach eigenen Worten „ein Haus eröffnet, wo sich alle treffen“: Vom Punker bis zum Banker findet jeder etwas im bunt gemischten Kulturprogramm, das Konzerte, Ausstellungen, Theateraufführungen und vieles mehr zu bieten hat.
Kann die neue Generation da überhaupt noch mithalten, wo man doch sagt, sie sei so faul und unmotiviert? „So´n Quatsch“, widerspricht Gutbrod zwinkernd. „Das hieß es bei mir doch auch!“ Die Jungs von der Street Art Szene sind jedenfalls bereit: „Es ist schon viel zu lange her, dass was passiert ist“, diagnostizieren sie mit geheimnisvollem Lächeln. Obacht Stuttgart! Es kann sich also nur um eine Zeitbombe handeln.
Elena Ziegler Ruiz ist 17 Jahre alt, lebt in Stuttgart und das ist ihr Bewerbungstext für die Sommerakademie.

