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Einmal Gulasch in die Karibik, bitte!

Peoplewatching in Köln am Neumarkt. Trotz der schwülen Nachmittagshitze eilen hier Vertreter aller Erdteile umher. Eine wahre Fundgrube außergewöhnlicher Lebensgeschichten. Doch der Afrikaner im bunt gemusterten Einteiler muss mit dem Motorrad eilig zur Arbeit. Der Gang der beiden jugendlichen Afroamerikaner ist viel zu lässig, um für eine neugierige Begegnung zum Stehen zu kommen. Und der Inder mit dem türkisenen Turban kümmert sich lieber um den Laden und die frisch angereiste Verwandtschaft, als Fragen zu beantworten.

Der weiße Mann in den Mittfünfzigern, der unruhig vor einer Gulasch-Bar herumsteht, ist vergleichsweise unscheinbar. Mit der hohen, kritisch gerunzelten Stirn hat er vielleicht noch einen gewissen Aspekt von Jack Nicholson in schlankeren Zeiten. Ansonsten eher ein Bürger der langweiligeren Sorte Kölns, könnte man meinen.

Dabei ist Peter gar nicht aus Köln. Und Pallavi, die hübsche indische Frau, die plötzlich an seiner Seite auftaucht, erst recht nicht. Köln ist nur einer von vielen Schauplätzen in ihrem Leben. Was sie an einem feuchtwarmen Juli-Nachmittag vor einer Kölner Gulasch-Bar zusammenführt, ist mehr eine Frage wert, als der erste Anschein erahnen lässt. Die Antwort offenbart eine Lebensreise, die nicht einmal im vielfältigsten Kölner Stadtviertel gewöhnlich erscheint.

Eine Reportage von Elena Ziegler Ruiz

Zu Peters Bedauern findet Pallavi als Vegetarierin die Puszta Hütte weniger berauschend.
Copyright: Elena Ziegler Ruiz

Kennen gelernt haben sich Peter und Pallavi in Bonn. Peter war damals 23 Jahre alt, Pallavi vier Jahre älter und Peter fand sie schon damals eine „umwerfend schöne Frau“. Doch sie war mit seinem guten Arbeitsfreund Lali verheiratet, daher verbot er sich jeglichen engeren Konakt zu ihr.
Geboren ist Pallavi eigentlich in Bombay, heutiges Mumbai, blieb aber nie in ihrem Leben lang an einem Ort. Ihr Vater wurde als hochrangiger Diplomat von Krisenherd zu Krisenherd geschickt und sie zog mit ihm. „13 different schools in eleven years!“, zählt sie. Das Lächeln auf ihrem Gesicht ist nur halbtraurig. Auch wenn ein ständiger Neuanfang schwer war, liebte sie das Reisen, und ganz besondere den Fensterausblick auf den Himalaya, den sie in Nepal damals genoss. Deli dagegen wurde zu dem Ort, an dem sie Interior Design studierte.

Auch ihren späteren Ehemann Lali lernt sie in Deli im College kennen. Für seine Arbeit als Kameramann wird Lali später nach Bombay versetzt. Das junge Ehepaar hat jedoch nur wenig Geld und muss heimlich, im Unwissen von Familie und Freunden, beim Bruder Pallavis in einer kleinen Stadt nahe Bombays unterkommen. Als Lali seinen Job verliert, kehren sie nach Deli zurück, wo sie teilweise auf der Straße leben müssen. Dann bekommt Lali ein Praktikum in Belgien in einer großen Filmproduktions-Firma und das Ehepaar zieht gemeinsam nach Europa. Ihr kleiner Sohn wird bei Pallavis Vater untergebracht, der sich zur letzten beruflichen Station in Bonn eingefunden hat. Er ist es, der Lali einen Job in der Bonner Großkopieranstalt besorgt, in der auch Peter damals arbeitet.

Auch Peter ist dort nur über Zufälle und Umwege beschäftigt. Seine Mechaniker-Lehre hat er eigentlich in Leverkusen gemacht. In dieser Zeit lernt er in der Berufsschule Hans kennen. Als Hans Vater für seinen Beruf als Mayor nach Bonn versetzt wird, hat der Sohn keine Lust, alleine in eine neue Stadt zu ziehen und überredet Peter, mitzukommen. Die beiden teilen sich in Bonn eine WG und Peter findet eine Arbeitsstelle an der Bonner Großkopieanstalt. In seinem indischen Arbeitskollegen Lali findet er einen guten Freund – Pallavi ist zu diesem Zeitpunkt für Peter absolutes „No-Go“.

1974 bekommen Pallavi und ihr Mann nach zwei Jahren in Deutschland Probleme mit der Aufenthaltsgenehmigung. Sie müssen wieder weiterziehen, dieses Mal nach Toronto, Kanada.
„Der Kontakt ging verloren“, sagt Peter trocken, erntet dafür aber sofort Einspruch von Pallavi, die ihn an die Briefe erinnert, die sie geschickt hat: „jede Christmas!“
In Kanada ist Lali erneut arbeitslos, ebenso wie Pallavis Bruder, der aus Indien zu ihnen zieht. Aus der Not heraus gründen beide Männer einen Versandhandel. Pallavi geht in Toronto ein zweites Mal zur Uni und studiert Programming and Analysis. In der Start-up-Firma ihres Mannes installiert sie die Software und übernimmt den Chefplatz des Bruders, als dieser nach Kalifornien weiterzieht.

Erst vor vier Jahren wird Peter wieder präsenter in ihrem Leben. Lali ist zu diesem Zeitpunkt schon sieben Jahre tot. Von einem gemeinsamen Freund aus „Bonn-Zeiten“ lässt Peter sich Pallavis E-Mail-Addresse geben. Über das Internet halten beide schon bald engen Mail-Kontakt. Noch im selben Jahr besucht Pallavi ihn zum ersten Mal in Wuppertal, wo Peter hingezogen ist, um in seinem Leben doch noch Soziologie zu studieren. „Es hat ihm sehr Spaß gemacht“, sagt Pallavi mit jenem immergleichen Lächeln, halb bedauernd, halb amüsiert. Als habe sie sich abgefunden mit dem Leben und seinen seltsamen Versäumnissen. Denn aus Geldmangel musste Peter das Studium kurz vor der Diplomarbeit abbrechen, um Vollzeit als LKW-Fahrer zu arbeiten. Er war dennoch zufrieden mit dem Job: „Es war eine kleine Firma, es gab ein gutes Arbeitsklima und ich hatte ja Schulden.“
Pallavi besucht ihn in den Folgejahren regelmäßig, letzten Winter reißt Peter zum ersten Mal zu ihr nach Toronto und lernt ihre Familie kennen.

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3,50€ für eine kleine 250g-Dose Gulasch – bestes Souvenir aus Köln?
Copyright: Elena Ziegler Ruiz

An diesem schwülen Sommernachmittag hat wieder Pallavi die lange Reise auf sich genommen, um ihren Lebensgefährten zu besuchen. Den Abstecher über Köln hat sie nur für einen Trostbesuch bei Freunden im Scheidungsprozess unternommen. Peter hat sich vor der unangenehmen Angelegenheit lieber gedrückt, aber der Trip nach Köln kam ihm mehr als Recht. Mit seinem Jugendfreund Hans war er früher jedes zweite Wochenende zum Feiern in der Stadt: „Entweder in Düsseldorf oder Köln“, erzählt er lachend. „Je nach dem, wo die Leute besser bekleidet waren!“

Nicht aus Zufall steht er außerdem vor der Gulasch Bar – da ist er überzeugter Stammkunde: „Die Puszta-Hütte kennt jeder in Köln!“, schwört er. „Die gibt’s seit 63 Jahren!“
„62“, wendet Pallavi weise lächelnd ein.
„65“, wird später der Kellner korrigieren, wenn beide schon längst zwischen den vielfältigen Gestalten des Kölner Neumarkts verschwunden sind. Nicht nur ihre fast schon kunstvoll verworrene Lebensgeschichte, sondern einfach alles in diesem Viertel scheint eigenartig weltoffen. Sogar die Puszta-Hütte exportiert ihren Gulasch bis in die Karibik. Und wenn Peter in dieser Umgebung erklärt, er könne noch nichts über ihre gemeinsame Lebensplanung sagen – „außer, dass wir zusammenbleiben“ klingt das in seiner ernsten Jack-Nicholson-Art auch gar nicht kitschig.

Bloggen vs Däumchendrehen

SO TOLL IST ES HIER, verdammt noch mal!

Ein Dilemma sondergleichen.
Da ist das Leben endlich mal so schön und bunt und neu und aufregend, wie man es sich an diesen berühmt berüchtigten grauen Novembertagen oft erträumt. Da sind all diese neuen Gesichter, in denen man beginnt, Freunde zu sehen, diese neuen Seiten, die man an sich selbst entdeckt, diese Lapislazulis und schwarzen Onyxe, diese Erotikshops (die wir VON AUßEN bewundern, um unsere Ehre zu retten) und Thai-Restaurants, diese Seilbahnen und Funkhäuser und dieser diabolisch verlockende Sommerschlussverkauf, der uns Mädels anzieht wie das Licht die Stechmücken.
(Die, sich, wo wir gerade dabei sind, gerade durch den Spalt meines gekippten Fensters in mein Zimmer schmuggeln und sich an mir und meinem verbliebenen Sushi laben. Und die wir in Österreich Gelsen nennen, aber dann versteht mich wieder niemand, so wie bei Rewe, wenn ich um ein Plastiksackerl bitte und die Kassiererin mich anstarrt wie ein schockgefrostetes Mondkalb).

cööln & the gang

cööln & the gang

Eben, so viel zu erzählen, oder sagen wir, weil wir jung und dynamisch sind, wie es Köln ist, laut meinem Touristenheftchen vom Kiosk: SO VIEL ZU BLOGGEN gäbe es.
Nur, und damit zurück zur Nörgelei. SO TOLL IST ES HIER. UR TOLL sogar (so sagt man in Österreich).
Da bleibt ja kaum Zeit zum Bloggen!
Auch komisch. Zu Hause, beim doofen Däumchendrehen hat man immer das Bedürfnis, dem digitalen Dorf die irrsten Storys mitzuteilen, oder die absurdesten Serienneuheiten zu gucken, vielleicht, um der Illusion eines Tags ein bisschen näher zu kommen, an den man sich mal erinnert.
Passieren leider viel zu selten.
Routine ist der eigentliche natürliche Feind des Menschen, ich sag´s euch!

Schwups, und dann hat man eine ganze Reihe großartiger Tage und ist einfach nur so zufrieden mit dem ganzen Sammelsurium an Momenten und Gerüchen und Mimiken, die man die letzten Tage kennengelernt hat, dass man erst recht wieder einfach nur doof Däumchen drehen möchte.
Aber man ist ja strebsam und brav und schreibt jetzt um zwei Uhr morgens noch einen sich im Grunde selbst negierenden Blogeintrag, anstatt sich ans Rheinufer zu setzen und mit Holger und seiner kleinen Mia ein kühles Kölsch zu trinken. Oder Apfelschorle. (Achtung, Insider)
Also Schluss mit dem Gelabere, 1000 Zeichen ungeschriebenes Statement für den „Kölner Stadtanzeiger“ rufen schon ganz quengelnd und penetrant nach mir. (So wie wir nach Ines, unserer Gruppenmama, wenn wir Hunger haben.)
Jetzt klopft sicher gleich ein wütender Hotelgast mit ´nem Regenschirm gegen meine Wand, um mir zu signalisieren: „RUHE, ABER FIX!“
Jut, jut, berlinere ich, weil ich es von Sarah gelernt habe – ich mach ja schon, ich tu ja schon.
Statement, ich komme! Nachts ist man ja bekanntlich besonders eloquent (und das nicht nur unter Alkoholeinfluss).
So: Zeit, gute Nacht zu sagen, klebrig süße Träume zu wünschen, und vor allem Merci in die Runde zu schmettern, an den Verband der Literaturhäusser, an Ines, Veronika, Ute und Kerstin, an all die Leute, die das hier ermöglicht haben und die ihr ohnehin nicht kennt – trotzdem.
Ein Gracias für die unglaublich produktive, informative und vergnügliche Zeit mit euch allen.
Und einen heißen italienischen Kuss an meine lieben „Kollegen“, mit denen ich in nicht einmal 5 vollen Tagen mehr Spaß hatte, als in so manch andrem grauen Herbstmonat.
Auf Köln! Auf das Leben!

Bussi Bussi von der Preiselbeertante,
Yours, Julia