Beiträge mit Tags ‘Asien’

Indischer Singhsang

Köln Ende Juli. Es ist brütend heiß. Auf der Suche nach genau den Lebengeschichten, die uns Menschen Tränensäcke und Lachfalten bescheren, begebe ich mich auf die Jagd nach einer Lebensbiographie. Meine Waffen: Notizbuch, Neugier und ein doppelter Espresso to go, der mir Mut zur Konfrontation geben soll.

Eine Reportage über Perücken, Papayas und einem Inder, der Luftstrom aus Nasenlöchern vorhersagen kann und sich selbst gefunden hat.

Buddha ist weiblich!
Bahar heißt seine feminine Reinkarnation, die zugleich Inhaberin eines Ladens für indische Lebensmittel und afroamerikanische Haarpflege nahe der Kölner Stadtbibliothek ist.
Bedächtig setzt sie Perücken auf Plastikschädel, die Handlung hat etwas Rituelles.
130 Kilo Körpermasse wölben sich in vielen Lagen blau bedruckter Seide zu prallen Wulsten.
Aufgrund ihres grau melierten Zopfes schätze ich sie auf Anfang sechzig. In ihren Regalen stapelt sich Henna-Haarfarbe und Mohnöl neben unidentifizierbarem Dosengemüse.
Ich schlendere zur Kasse, lege eine Haarspange in Bahars fleischige Hände. Zögere, fasse mir schließlich doch ein Herz und bitte sie, mir doch etwas von ihr zu erzählen.
Sie stockt. Mustert mich ein paar Sekunden.
Die Pigmentflecken auf ihrem Doppelkinn starren mich an.
Ich rechne mit einer abwehrenden Geste, da erhellt sich ihr Blick.
Ich scheine ein mir unbekanntes Prüfverfahren bestanden zu haben, sie reckt den Daumen nach links. „Nebenan ist besser! Sage Grüße von Bahar.“

IMG_20130724_214354

Hairliche Perücken!

Runde 2 für Indien

Die Glocke klingelt, ich wünsche einen guten Tag und grüße von Bahar.

Singh der Kassier, 38, kommt aus Punjab, Nordindien und erfüllt rein optisch alle Kriterien eines Yogagurus.
Turban, nougatbraune Haut, opalschwarze Augen im dichten Wimperkranz, das volle Programm.
Ein Ding der Unmöglichkeit, seine genauen Gesichtszüge hinter seinem Vollbart zu erahnen.
Trotzdem strahlt er eine tiefe Ruhe aus, wirkt geerdet und gleichzeitig unnahbar.
Ein Magier, aus einem orientalischen Märchen, der seit 14 Jahren Garam Masala, Mangolassi und Naan-Brot über die Ladentheke schiebt.
Und mir seine Geschichte erzählt:

Er ist seit 1989 in Köln, zwölf war er, als er nach Deutschland kam, samt seiner zwölfköpfigen Großfamilie.
„Mauerfall?“, frage ich geistesgegenwärtig, er verneint, damit hatte das nichts zu tun.
Seine Eltern wurden in Indien politisch verfolgt, auf Genaueres geht er nicht ein. Allerdings hätten wohl die innerpolitischen Probleme im damals frisch wiedervereinigten Deutschland das Asylverfahren begünstigt, das Land hatte zu dieser Zeit Besseres zu tun, meint er.
Ob es schwer für ihn gewesen sein, als Kind in einem fremden Land?
“Wer sich selbst kennt, ist überall zu Hause.“, antwortet er knapp.
„Außerdem hatte ich ja meine Familie.“ Er scheint nichts Genaueres auf das Thema zu dem Thema sagen zu wollen, denn noch weiß er nicht, ob mein Interesse nicht nur von professioneller Natur ist.
Was denn seine Familie jetzt mache, fahre ich fort, ihm die Worte aus dem Mund zu ziehen.
Singh reckt den Daumen nach rechts, Richtung des Afro-Hairstyle-Shops aus dem ich gerade komme.
„Bahar ist meine Mutter.“

Harmonie und Hühnerdaal

Hinter mir hat sich eine Schlange gebildet.

Eine Kundin unterbricht uns, bestellt auf Englisch 150 Portionen Daal für die Familienfeier am nächsten Sonntag, einen würzigen Linseneintopf. „Mit Spinat?“, fragt er. „Huhn“, erwidert sie und will wissen, ob seine Vorräte wohl auch dafür reichen.
„Of course“, antwortet er, sicherlich, er sei gestern mit dem Van beim Großhändler in London gewesen und das Lager aufgestockt. Er ist die ganze Nacht gefahren, hunderte Kilometer unter dem Atlantiktunnel zurück nach Köln.
„Sie werden müde sein.“
„Nein!“ Er lacht als wäre meine Vermutung eine Anmaßung. „Mein Geist ist immer wach.“
„Aber ihr Körper?“, entgegne ich keck.
Er lächelt verhalten. „Der Körper ist das Spielfeld des Geistes, der erhaben ist und gleichzeitig eine Einheit bildet. Nenn es Harmonie, wenn du willst.“
Zumindest im Optimalfall, denn momentan spüre ich, wie die schweißfeuchten Rucksackriemen sich ganz unharmonisch in meine stapazierten Schulterblätter schneiden.
Es sind 32 Grad, ich zerfließe zu Kokosmilch. Die Klimaanlage ist wohl defekt.
Singh schwitzt nicht. Wie macht er das?
„Yoga? Meditation?“, rate ich und lande damit einen Glückstreffer.
Jetzt kommt er erst richtig in Fahrt, erzählt von begrenzten Atemzügen, die so viele von uns jeden Tag so leichtfertig vergeuden, von den Augen als Sitz der Seele und des Teufels, der gleichzusetzen ist mit Emotionen, Begehren, Sehnsüchten und dem Ego.
Es wird kompliziert. Singh skizziert in groben Zügen einen menschlichen Oberkörper in mein Notizbuch.
„Rujo Sun“, steht da neben dem Kopf, er übersetzt es mit „ Angst, Hoffnung, Verlangen“, „Satogun“ mit „Toleranz, Zufriedenheit, Moral“, „Tamogun“ ist die letzte der drei – wie ich sie vereinfachend nenne – Gefühlskategorien, die einem jeden von uns innewohnen.
Nur einmal muss er sich mit einem Wörterbuch behelfen, die „Demut“ ist seinem Vokabular kurzfristig entfallen. Ansonsten ist er sehr bestimmt und erstaunlich eloquent in seiner Wortwahl.
Wunderliche Welten die sich mir eröffnen, sein Redeschwall überfordert mich beinahe, meine Notizen winden sich zu krakeligen Mustern. Seine Worte faszinieren mich, doch gleichzeitig brummt mir der Kopf.

Wir Westler aber auch!

Ich bemühe mich, die Informationsflut ein wenig zu drosseln, lenke seinen Monolog wieder auf weniger leidenschaftliche Bahnen.
Was er davon hält, dass wir „Westler“ Yoga als Fitnesstrend vermarkten?
Yoga sei kein Sport, den man zwanzig Minuten täglich hinter verschlossenen Gardinen betreibe. „Wahres“ Yoga fokussiere sich viel eher auf die geistige Dimension, körperliche Anstrengung sei nur eine „Begleiterscheinunung“. Er lächelt verschmitzt. Er selbst meditiere 24 Stunden, völlig egal wo. Die Versenkung, die Singh durch Meditation erfährt, sei für ihn eine Notwendigkeit, gebe seinem Geist Halt, Kraft und Gelassenheit.
Die alten Römer hätten ihn wohl als Stoiker bezeichnet, der Buddhismus hingegen lehrt, dass alles Leben Leiden ist und Gier Auslöser dessen unbedingt zu vermeiden ist.
Der Großteil der Inder sind Hindus, erinnere ich mich aus dem Ethikunterricht.
„Sind sie religiös?“ hake ich nach. Er reagiert mit einer heftigen Geste.
„Nein! Religion ist nichts anderes als eine Sammlung von Gesetzen, der Menschen trennt, zu Ausgrenzung führt und Krieg rechtfertigen soll. Seinen „Vater“ muss man in sich finden, im Seelenfrieden, im Atem, in der Meditation.“

IMG_20130724_214636_resized

Blau blau blau sind alle seine Tüten..

IMG_20130724_214825_resized

Die Nasenlochprobe

Singh fertigt den nächsten Schwall Kunden ab, packt Papayas und Datteln in blaue Plastiksäcke.
Als wir wieder etwas Ruhe haben, fordert er mich auf, den Zeigefinger unter meine Nase zu halten und mir zu sagen, ob aus dem linken oder rechten Loch mehr Atem ströme.

Ich bin unsicher, fast ein wenig nervös.
Absurderweise will ich Lehrmeister Singh auf keinen Fall enttäuschen.
Ich tippe auf rechts – und liege natürlich falsch.
Great.
Singh schüttelt mitleidig und ein wenig enttäuscht den Kopf.
„Neeeein, das kann nicht sein, du bist ein rationaler Mensch. Rechts, das sind die emotionalen. Fühle noch einmal.“
Klar, dass der Luftzug aus dem linken Nasenloch jetzt eindeutig stärker ist.
Kann man das Placebo-Effekt nennen?

Fest steht, dass Singh mir eine neue Welt eröffnet hat, und ich in der Tat bedauere, keinen seiner sonntäglichen Yoga-Kurse besuchen zu können, die er unentgeltlich veranstaltet und an denen auch Bahar regelmäßig teilnimmt.
 Zu gern hätte ich gesehen, wie seine Mutter in ihrer majestätischen Korpulenz die Kobra macht.
Oder den Sonnenbaum.
Ich verlasse den Laden mit einem Schmunzeln auf dem Gesicht, meinem leeren doppelten Espresso (von dem Singh abrät, denn er säuere die Substanz) und dem vagen Gefühl, einer tiefen Wahrheit ein Stück näher gekommen zu sein.