Spezi getrunken

A board with "Lustgarten", Berlin * Author: Valentin Dietrich * Date: August 13, 2004 * Licence: Creative Commons Attribution ShareAlike Licence Version 2.0 (cc-by-sa-2.0) '''deNa, Schule abgeschlossen? Zum Studieren begonnen? Viele neue Leute kennengelernt? Beziehungen geführt? Streit gehabt? Freunden beim Kotzen die Haare zurückgehalten? Ich 16, lebe in Leoben, du 24, lebst wo?
Da schau. Schau. Schau, schau. Shia shao. Er dreht sich. Dreht sich. Und ist blau. Blau. Blau und dreht sich. Eine dieser japanischen 100-Mann Touristen Gruppen hat sich nach Leoben verirrt. Und der 100-jährige japanische Opa dreht sich. Weil er ein Gösser Bier getrunken hat. Alkohol vertragen wir Asiaten nicht.
Wenn ich diese Leute sehe, dann bin ich irgendwie wieder zuhause. Da wo ich hingehöre. Oder wenn ich etwas Besonderes rieche, dass es nur zuhause gibt, dann erinnert mich das an zuhause. Und dann merke ich woran ich bin und dass ich nur in Leoben lebe.

In welche Richtung soll ich?

Zeit tropft zäh, grau von der Regenrinne. Es ist leise, doch in mir drinnen ist es laut. Den Lärm der tausend Gedanken gefiltert, bin ich nach außen schlaftrunken und verstöpselt, stumm verweilend mit niedergedrückten, hängenden Schultern. Das Display leuchtet bläulich, neonkalt im kühlen Morgen. Kalt kalt kalt. Die Hände in den Jackentaschen schaue ich auf den Boden. Oh der Typ von gestern sieht mich an. Innerlich lache ich, nach außen mein Morgenblick. Und er ist doch nur wie die anderen hier.

Die anderen, die gehen alle in meine Schule. Im Hinterhof, wo’s dunkel ist. Sie alle, alle Mädels sind Emo-Verschnitte mit seltsam abgestuften Haaren und pinken Fell-Jäckchen, in säulenfesten Schenkeln, umspannt von aufplatzenden Leggins. Und alle Jungs sind schirch. Bis auf den einen da, aber er ist nur gleich. Die haben keinen Humor, keinen Stil, die haben nix. In der Pause trinken sie alle ein Spezi. Was wo anders ein Starbucks-Kaffeebecher ist, ist hier ein Spezi. Und bei McDonalds, dem Einzigen im Umkreis von 100 Kilometern, bestellen sie die fettesten Burger. Und figurbewusst ein Spezi-Light.

In jedem urrussischen Scheiß-Kaff ist mehr los. Die Intelligenten, sind ohnehin schon weg. Aber die unweltoffenen Talbewohner wachen hier, wägen sich im Glauben im Schmelztiegel der Welt zu leben. Willkommen in L A, äh.. LE. In der Pseudo-Stadt, im Bauernverband, Inzuchttal, Bergknast, wo jeder Hinterwäldler jeden kennt. Die sind unisono-blöd. Hier kann man nicht mal beim Fenster rausschauen. Weil wenn ich bei meinem Fenster rausschaue, hab ich einen Berg vor meinem Gesicht. Ich sehne mich nach der Welt. Anstatt Nadelwälder Palmpflanzen, anstatt alter Autobusse eisklimatisierte Expresszüge, riesige, nachts aufleuchtende Werbetafeln statt Dorffest-Ankündigungen.

Der Wind trägt tote Blätter über kalte Zebrastreifen. Es heult durch leere Straßen. Pflasterböden schlucken seltene Stimmen. In welche Richtung soll ich?

Mein Leben jetzt ist los. Ich hab’s aufgegeben Leute zu finden, die so sind wie ich. Die gibt’s hier nicht. Ich verstell mich nicht für die. Denn das färbt alles nur auf mich ab. Ich bin eine Großstadt-Bitch.

In welche Richtung soll ich?

Deine Mitarbeit ist SO! Keine Hausübung je gebracht. Mi scherts nerma!! Nichts hinterfragende Auswendiglernstreberin die auf jeden Schulscheiß eine Antwort, aber vom wahren Leben keine Ahnung hat, das bin nicht ich. Meine Seele verkümmert. Mein kleines Herz will den Schmerz nicht. Übrig bleibt eine verkommene Hülle, ich mutiere zum Kleinstadt-Zombie. Die Kleinstadt gehört mir. Ich verstöpsele mich und tanze. Die grauen Leute sehen mich an.

Zu Ostern war ich mit meinem Opa in Berlin. Der Rausch der Stadt ist breit und zieht dich in seinen Bann. Aus jeder Richtung dröhnt die Stadt, knisternde Geladenheit versprüht von stolzen Glasburgen. Der Rausch reißt nie ab.       Ich habe mich gefühlt, als würde der Bauerntrampel einen Schritt in die Welt setzten, als wäre ich gebrandmarkt. In Berlin gibt es viel. Und ich bin nicht allein. Ich tanz die ganze Nacht und ich bin nicht allein.

Ich glaube wir haben geplant mit 18 spätestens aus Österreich zu verschwinden. Ich hoffe Mama hat es nicht geschafft dir das auszureden. Und scheiß auf Papa, ob es ihm passt, dass du weg bist oder nicht. Geh! Weit weg von wo du aufgewachsen bist. Aber ruf Mama regelmäßig an, dann fliegt sie dir nicht hinterher.

In welche Richtung soll ich? Meinen Bauern-Schlampenstempel, den werde ich nicht los. Ich bin in Berlin, aber ich hab hier mein Spezi getrunken.

Für die version festspiele berlin statt zu ostern in berlin in new york nehmen, und meine tagebuchgedanken: angekommen in der stadt in der ich gewusst habe wie es sich dort anfühlt ehe ich dort je war.. und doch weiß ich nicht ob ich richtig bin.

Martin ist 17 Jahre alt, lebt in der Nähe von Graz und das ist sein Bewerbungstext für die Sommerakademie.