Schwabenherz
Durch die Straßen gehend kommt das Gefühl von Heimat auf. Das Gefühl, von jedem mit einem Lächeln begrüßt zu werden, lässt nicht los.
Es nimmt sogar noch zu. Besonders an Feiertagen, freien Wochenenden, beim Schlendern durch die Altstadt, durch die Fuggerstraße, wo man an kleinen Häusern und netten älteren Menschen, die hier für wenig Geld im Monat leben dürfen, vorbeigeht, kommt Wärme auf, wenn die Sonne scheint.
Das hohe Friedensfest am 8. August zieht an keinem Einwohner vorbei, jeder profitiert davon und streckt denen, die dieses Fest nicht genießen dürfen, die Zunge raus. Denn sie leben in dieser Stadt, im Herzen von Schwaben, und in keiner anderen.
Von Zeit, Geschichte und Religion geprägt ragen Gebäude in die Höhe. Wie der Perlachturm am Rathausplatz, oder die Basilika St. Ulrich und St. Afra am Ulrichsplatz. Sie gelten als Stadtheilige. Als Stadtgöttin wurde Cisa verehrt, bevor sie langsam im Vergessenheit gerät. Heute wissen nur noch die wenigsten von ihr, obwohl sie auf einer Wetterfahne des Perlachturms abgebildet ist.
Wer schon öfter hier gewesen ist, kennt den Stadtteil Oberhausen. Es ist schwer vorstellbar, dass hier der Ursprung des Schwabenherzens liegt. Oberhausen ist mittlerweile ein Ort, an dem sich niemand gerne Nachts aufhalten würde. Dabei wurde die Stadt genau dort gegründet, vor mehr als zweitausend Jahren. Somit gilt sie als zweitälteste Stadt Deutschlands, gleich nach Trier. Vor Christus Geburt wurde hier unter dem Befehl von Kaiser Augustus ein römisches Legionslager errichtet.
Die Stadt erfuhr in ihrer Geschichte viele historische Höhepunkte. Neben der im 16. Jahrhundert vorherrschenden Position als wichtiges Wirschafts- und Handelszentrum der damaligen Welt, hervorgerufen durch die Fugger und Welser, steht die Erfindung des Dieselmotors durch den Namensgeber Rudolf Diesel. Noch heute rollen seine Erfindungen durch Deutschlands Straßen, als Lastwagen mit einem MAN Logo auf der Nase.
Doch leider blieb auch das Herz von Schwaben nicht vom Holocaust verschont. Es ist und bleibt ein dunkler Fleck im Bewusstsein der Stadt, dass sie dem Nationalsozialismus gefolgt ist, anstatt nach zu denken und seine Einwohner zu beschützen. Denn Juden zählten richtig dazu, es gab einen Friedhof und eine Synagoge, deren Bau 1914 angefangen wurde. Sie wurde Opfer der Reichsprogromnacht: Das jüdische Glaubenszentrum wurde in Schutt und Asche gelegt.
Ein Glück, dass sie wieder erbaut worden ist. Es ist ein sehr schönes Gebäude geworden, das viele Besucher erstaunen lässt.
Die Synagoge ist aber nicht die einzige kulturelle Einrichtung, die einer Besichtigung wert ist. Das Stadttheater bietet neben gewöhnlichem Theater auch Opern an, und – was schon seit langem Kinder und auch nocht Erwachsene verzückt – die Abenteuer von Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer. „Eine Insel mit zwei Bergen und tiefen, weiten Meer. Mit viel Tunnels und Geleisen und dem Eisenbahnverkehr…“, na, klingelt da etwas? Diese Melodie sollte für Fußballfans bekannt sein – sie wird gespielt, wenn der ansässige Bundesligaverein ein Tor geschossen hat.
Zwar weniger berühmt aber nicht minder beliebt ist Urmel aus dem Eis. Dieses Puppenspiel stammt aus der gleichen Schmiede, sozusagen aus der gleiche Kiste.
Natürlich sind Kulturelle Einrichtungen kein Muss für einen vernünftigen Schwaben. Eher für Touristen, denn wer diese Orte noch nicht gesehen, oder dem Theater noch nicht gelauscht hat, hat etwas verpasst bei seinem Stadtbesuch. Ein vernünftiger Schwabe gestaltet seinen Samstag wie folgt:
Vormittags geht er in den Zoo – mehr oder weniger gezwungen, da er eine Familie mit zwei kleinen Kindern hat. Danach darf er (oder sie oder eben zusammen mit den Kindern) weiter Tieren zusehen, diesmal jedoch den spannenderen Arten. Und die befinden sich nicht im Zoo, sondern entweder im Eisstadion oder in der SGL-Arena.
Wahrscheinlich wird sich kein Fan des Eishockeyvereins Panther oder des FCA über diese Bezeichnung ärgern. An diesem Samstag hallen Jubelrufe durch die ganze Stadt, Autokorsos werden veranstaltet – denn der Klassenerhalt ist gesichert.
Doch auch für die nicht Fußball oder Eishockey Begeisterten ist in der Innenstadt etwas zu erleben. Nachdem man sich irgendwie durch den Baustellen-Dschungel am Königsplatz durchgeschlagen hat, kann das Bummeln beginnen. Die bevorzugten Geschäfte befinden sich in der Annastraße oder in der City-Galerie, die dazu noch großes Kino zu bieten hat.
Wer um diese Zeit noch nicht nach Hause fahren möchte, hat eine ganze Nacht in der Maximillianstraße – dem Hauptort von Schwabens Nachtleben, sollte zur Zeit kein Plärrer sein – Schwabens größtem Volksfest, das am Besten im Dirndl und in Lederhosen besucht wird. Obwohl der FC Bayern von den Fans des FCA, von den echten Fans, gemieden wird, vermischt doch irgendwo das schäbische Blut mit dem bayrischen.
Am Sonntag ist man nach dem Schlendern durch die Altstadt reichlich hungrig. Bei den vielen Wirtshäusern fällt die Wahl schwer, jedoch ist es dabei wichtig, seinem Bauchgefühl zu folgen.
Jeden Schwaben wird es früher oder später in ein Bräustüble ziehen, aus dem der gute Geruch von schwäbischen Spätzle strömt.
Liebe geht ja bekanntlich durch den Magen.
Danach setzt sich der Schwabe noch mit seinen Freunden in einen Biergarten und genießt das schöne Wetter. Er hat von seinem Sitzplatz aus natürlich einen guten Blick auf den Fernseher, in dem ein Bundesliga-Spiel läuft.
Er fragt sich, ob seine Mannschaft es auch in der nächsten Saison schafft, in der 1. Liga zu bleiben oder ob doch schon der Abstieg winkt. Aber daran will er gar nicht denken.
Das Heute ist einfach viel zu schön, um sich über das Morgen Gedanken zu machen.
Oder der Schwabe ist einfach viel zu sparsam mit seiner Zeit.
Viel lieber lauscht er dem Gespräch seiner Kumpel, das in einer Sprache stattfindet, die nur echte Schwaben verstehen.
Schwaben.
Ein Begriff, viele Eigenschaften.
Schwäbische Spätzle, schwäbischer Dialekt, schwäbische Sparsamkeit – selbst im Jubel, weil net g´schimpft isch g´lobt g´nuag!
Alles in guten Wirtshäusern (sollte man gerade nicht auf das Trinkgeld angewiesen sein) und Biergärten zu bewundern.
Alles in unserem Herzen zu bewundern.
Im Schwabenherz.
In Augsburg.
Oder wie wir sagen: Augschburg!
Laura ist 16 Jahre alt, lebt in der Nähe von Augsburg und das ist ihr Bewerbungstext für die Sommerakademie.
