(M)eine Stadt
Sommer. Das Flugzeug kreist über dem südchinesischen Meer. Langsam bekommt man einen Blick auf die Stadt. Das Wasser ist stechend blau. Bilderbuchblau. Blau ist es hier immer, am Tag hellblau, in der Nacht dunkelblau. Grau ist es nur, wenn es so sehr stürmt, dass man das Haus nicht verlassen sollte.
Das Flugzeug landet sachte auf der Landebahn, die bis in das Wasser reicht.
Es ist brennend heiß. So heiß, dass man denkt, der Asphalt würde einem unter den Füßen wegschmelzen. So heiß, dass die Köpfe der hektisch herumrennenden Gestalten glühen. So heiß, dass man eigentlich nicht hinausgehen möchte.
Drinnen ist es eiskalt. Kalt wie im Winter, man möchte eigentlich seine Winterkleidung aus dem Koffer kramen. Blöd, ich habe keine Jacke dabei.
Der Flughafen ist überfüllt und vollgestopft. Vollgestopft mit Menschen, die herumschlendern, auf der Suche nach Freunden, Verwandten, einem bestimmten Laden. Nach stundenlangem Suchen finde ich meinen Koffer. Endlich raus hier, noch denke ich, dass sich die Menschenmengen draußen verlieren würden.
Raus in die Freiheit. Es ist wieder unangenehm heiß. Schnell zum Auto laufen, dort ist es wieder angenehm kühl. Ich darf vorn sitzen, also laufe ich auf die rechte Seite des Autos. Doch hier fährt man auf der linken Seite der Straße, also sitzt der Beifahrer links, nicht rechts. Anders.
Alles hier ist so anders.
Endlich fährt das Auto weg vom Flughafen auf die Straße. Nicht nur der Flughafen war überfüllt, auch auf der Straße fahren die Autos dichtgedrängt aneinander. Es ist so brechend voll, dass ich den Überblick verliere.
Sommer. Hitze. 30Grad, manchmal sogar 40 Grad heiß. Ich bin auf der Suche nach Antworten. Antworten auf Fragen, die ich noch nicht gestellt habe, geschweige denn, dass sie mir bekannt wären.
Das Auto wird wieder langsamer. Ich werfe einen Blick hinaus auf die dicht besiedelten Straßen. Menschen schlurfen in schnellen Schritten über die Straßen, fast schon hektisch. Links von mir spielen Kinder an ihren Handys, rechts von mir sitzen alte Damen, die die Szene beobachten, genauso wie ich, nur ist es für sie grauer Alltag geworden. Neben ihnen sitzen ihre ebenso alten Ehegatten. Sie spielen Mahjong oder lesen in ihrer Zeitung, immer darauf bedacht, nicht zu sehr aufzufallen.
Die Restaurants sind zu dieser Zeit voll besetzt. Kaum einer sitzt um diese Uhrzeit zuhause, die Küchen sind zu klein zum Kochen, die Wohnungen zu klein um die Familie einzuladen. Alle sitzen sie an runden Tischen. Man lacht, tauscht sich aus.
Sommer. Alles ist mir fremd. Das soll also meine Stadt werden.
Spätsommer. Die Luft ist immer noch unangenehm warm, drinnen ist es immer noch bitterkalt. Doch das stört mich schon lange nicht mehr, ständig schleppe ich eine Jacke mit mir rum, ich weiß nun was mich drinnen erwartet.
Ich sitze jetzt selber an den runden Tischen in den gutbesuchten Restaurants. Ob mit Freunden, meiner Familie oder sogar mit komplett fremden Menschen. Ich sitze dort und esse. Nein, ich esse nicht einfach, ich probiere, denn alles, was ich zu mir nehme, ist so neu. Mal schlinge ich, weil es nicht schmeckt, mal genieße ich richtig. Jedes Essen ist ein neues Erlebnis. Ich bin Spaghetti gewohnt. Kartoffelpüree, Karotten, Steak, Hühnchen. Doch jetzt esse ich Reis. Reis mit Ochsenzunge, Muscheln, Schnecken und Hühnerfüßen. Die Reste spuckt man einfach auf den Tisch.
Irgendwo läuft immer der Fernseher. Es laufen chinesische Dramen, die im angeblich 18. Jahrhundert spielen sollen, doch die Ausstattung ist schlecht. In den Räumen stehen moderne Lampen, die Schauspieler haben Handys, in ihren Taschen. Es gibt eine Menge Werbung. Ob in den Werbepausen in Fernsehen oder auf der Straße. Leuchtreklamen schmücken die Hauswände, und taucht die Silhouette der Stadt in ein buntes Lichtmeer. Die Lichter gehen niemals aus, es ist fast so, als würden sie einen beobachten. Egal, ob es die Lichter in den Häusern sind, in denen Familien sich für die Nacht fertig machen, oder die Lichter in den Treppenhäusern, die Lichter in den Läden und Schaufenstern oder die Lichter der Autos und Busse die niemals stillstehen.
Auch mitten in der Nacht sind hier noch tausende Menschen unterwegs. Menschenmassen wie wir sie aus Deutschland nicht kennen.
Herbst. Endlich kühlt es ein wenig ab. Endlich habe ich Fragen gefunden, die ich stellen kann. Doch niemand hat eine Antwort. Niemand außer der Stadt.
Die Stadt richtet nicht. Für sie sind wir alle gleich, sie bevorzugt niemanden, und lässt niemanden zurück. Doch woraus besteht die Stadt eigentlich?
Herbst. Die Zeit, in der es Spaß macht, an den Strand zu gehen. Endlich kann man in der Sonne liegen, ohne gegrillt zu werden. Das Wasser hat eine perfekte Temperatur. Gerade so kalt, dass man abgekühlt wird. Man liegt am Strand während 500 Meter weiter riesige Hochhäuser aus der Erde ragen.
Man liegt man Strand während 500 Meter weiter riesige Berge zum Himmel ragen. Alles auf einmal. Berge, Meer, Großstadt.
Winter. Kalte Winde ziehen durch die Straßen. Egal wohin man geht ist es kalt, die Menschen besitzen keine Heizung, dafür aber dicke Winterjacken.
Wanderzeit. In der kälte kann man wunderbar in den Bergen umherlaufen.
Plötzlich erkenne ich eine ganz neue Facette meiner Stadt. Ja, inzwischen ist es meine Stadt. Neben den überfüllten, hektischen Straßen besitzt meine Stadt auch eine Seite, bei der man alles langsam angehen kann und ungestört ist. Manchmal ist man sogar ganz allein.
Das erste Mal fühle ich mich einsam und allein. Doch trotzdem bin ich geborgen. Längst habe ich angefangen Antworten zu finden.
Frühling. Regenzeit. Die Luft ist stickig und feucht. Die Sonne scheint, doch von einer auf die andere Minute wird der Himmel dunkelgrau, schwarze Wolken ziehen auf. Es blitzt und donnert, der Wind reißt Bäume aus dem Boden. Nächtelang liege ich wach und warte auf das Ende des Sturms. Der Regen kommt jedes Mal unerwartet. Doch ich habe jetzt immer einen Regenschirm dabei.
Später Frühling. Zeit zu gehen. Dieser Ort war mir eben noch so fremd, doch nun ist er ein Teil von mir. Es ist meine Stadt. Es ist überfüllt, stickig, feucht, verschmutzt. Woraus die Stadt besteht? Aus Unterschieden. Unterschieden zu unserer Kultur, die mir nicht mehr Fremd sind, sondern ein Teil von mir sind. Sie besteht aus dem Meer, genauso wie den Bergen. Der modernen, dreckigen Stadt und der einzigartigen Natur. Der chinesischen, alteingesessenen Kultur und der westlichen, moderneren Lebensweise. Die Eingeborenen sagen gerne: „East meets west“, Europäer sagen es wäre eine Mischung aus Kalifornien und New York. Weil man hier einfach alles hat. Ich nenne es einfach Hong Kong. Meine Stadt. Eben war sie mir noch so fremd, doch nun ist es irgendwie meine Heimat. Hier bleiben? Keine Option. Viel zu groß ist die Sehnsucht wieder in das Bekannte zurück zu gehen. Außerdem ist es auf Dauer viel zu eng, man ist irgendwann genervt von den Menschenmassen, die einen dazu zwingen, sich ihrem Tempo anzupassen und den Abgasen die einem immerzu in die Nase steigen. Wiederkommen? Was für eine Frage. Es ist doch meine Stadt, die mir so viel gegeben hat, und von der man jeden Tag neues lernen kann. Meine Stadt, die für jeden einen Platz hat und jedem ein Zuhause bietet. Meine Stadt ist Hong Kong.
Olga ist 16 Jahre alt, hat das letzte Jahr in Hongkong gelebt und das ist ihr Bewerbungstext für die Sommerakademie.
