Geliebtes Köln,
wir beide führen jetzt eine schon fast 17 ½ Jahre lange Beziehung und obwohl
eigentlich kein Grund dafür vorhanden ist, möchte ich dir mit diesem Brief meine Gefühle
mitteilen. Meiner Meinung nach braucht man in einer gut laufenden Partnerschaft gar
keinen besonderen Anlass um den anderen zu zeigen, was man für ihn empfindet. Und ja,
ich finde, dass es zwischen uns nach wie vor gut läuft. Natürlich haben wir unsere Höhen
und Tiefen, doch die sind vollkommen normal. Alle anderen haben die ja auch, stimmt’s?
Es besteht gar kein Grund sich im Internet nach anderen Städten umzusehen. Oder gar
von weit entfernten, ruhigen Dörfern zu träumen. Das freundliche Lächeln von Düsseldorf
letzte Woche hat auch überhaupt keinen Eindruck auf mich gemacht.
Ach, und keine Sorge. Ich erwarte von dir nicht, dass du mir auf ähnliche Weise
deine Gefühle offen darlegst. Mir ist klar, dass das einfach nicht deine Art ist. Du bist so
stolz, so voller Energie und Leben, dass dir gar keine Zeit für solche Dinge bliebt. Das ist
in Ordnung so, denn deswegen habe ich mich ja auch in dich verliebt. Ich schätze deine
eiserne Härte und deine Kraft, denn diese gibt mir das Gefühl beschützt zu werden. Auch,
wenn du nicht so gut darin bist es mir zu zeigen, weiß ich immer, dass du für mich da bist.
Manchmal fühle ich mich zwar von dir bedrängt, doch dafür kannst du ja nichts.
Am Anfang, das muss ich zu geben, hatte ich etwas Angst vor dir. Zuerst warst du
für mich einfach zu.. groß. Zu geschäftig. Klein, wie ich damals gewesen bin, wäre ich in
deiner unzähmbaren Energie fast untergegangen. Doch mit der Zeit bin ich gerade durch
deine Größe gewachsen. Du hast mich stärker gemacht, selbstsicherer. Mein Liebster, du
bist der Grund, warum ich heute so bin, wie ich bin und das werde ich dir niemals
vergessen. Selbst wenn mich deine dauernde Betriebsamkeit und Hast anstrengt und
mich erschöpft, mich manchmal völlig ausgelaugt zurück fallen lässt, während du
unnachgiebig immer weiter fortschreitest, wodurch ich mich zurückgelassen und einsam
fühle, weiß ich, dass
Wann genau ich mich in dich verliebt habe, weiß ich gar nicht mehr. Ich bin mir sogar fast
sicher, dass ich mich schon immer von dir angezogen gefühlt habe. Immerhin bist du ja
auch so schön mit deiner puren, maskulinen Energie.
Ich weiß, Schönheit liegt im Auge des Betrachters und andere könnten sich von
deinen Graffiti-Tattoos auf dem sonst so glatten Untergrund gestört fühlen, doch die sehen
nicht das Kunstwerk in dieser Schmiererei, dass das Kunst ist. Manche Bereiche an dir
wirken zwar schmucklos, kahl und leblos und manche sind wiederum auch einfach zu
protzig, doch im Großen und ganzen ist das doch erträglich ein wunderschöner Anblick.
Ich meine was wäre eine stark befahrende Straße schon ohne die vollkommen fehl am
Platz wirkenden Hundeklos Grünflächen in der Mitte? Ein bisschen Natur mitten in dem
kalten Asphalt. Je nach dem wie groß die Hunde in der Umgebung sind, oder wie viel sie
gefüttert werden, ein bisschen mehr Natur. Und dein Dom, dieses prächtige, große Werk
in deiner Mitte, ist einfach dein Markenzeichen und beeindruckt mich jedes Mal aufs Neue.
Auch wenn ich finde, dass du manchmal etwas zu sehr vor anderen Städten damit
angibst. Ständig arbeitest du an dir und deinem Äußeren. Du pflegst dich sorgfältig und
das finde ich sehr ver- beachtenswert. Überall sind Baustellen zu sehen, die deine
Schönheit für den Augenblick noch mindern mögen, doch in spätestens ein bis zwanzig
zwei Jahren werden diese auch verschwunden sein und etwas wunderschönes offen
legen. Trotzdem bete ich jeden Tag, dass du irgendwann genug davon hast dauernd neue
Baustellen zu eröffnen. Man sollte meinen, dass ich mich in all den Jahren an den ganzen
Lärm und Dreck gewöhnt habe, doch leider ist dem nicht so. Überhaupt nicht. Und durch
die ganzen Absperrungen werde ich auch noch ziemlich eingeengt. Zwar gibt es viele
Stellen, die wohl nie ganz sauber und perfekt sein werden, doch damit kann ich leben. Zu
viel der Perfektion ist auch nicht gut. Obwohl ich ein paar Dörfer kenne, die dir wohl ein
paar Tipps geben könnten, zumindest etwas näher an die Perfektion zu kommen.
Für manch einen scheinst du wohl rücksichtslos sein. Laut und vulgär, voller Müll
und Verfall. Die Jahre sind auch an dir nicht spurlos vorbeigegangen und da werden auch
noch so viele Schönheitsoperationen nichts dran ändern. Du kannst nun mal nicht alles an
dir umbauen! Dafür bist du nicht einmal reich genug. Du schruppst und werkelst an
deinem Äußeren und gibst millionen dafür aus, aber was machst du für deine Bildung? Ja,
da geizt du. Es macht mich fast wahnsinnig, wie du ständig versuchst alles zu verbessern
und dabei nicht merkst, dass du vieles einfach schlimmer machst. Ständig bist du am
arbeiten, immer in Bewegung. Weißt du denn nicht, was eine Pause ist? Kannst du nicht
einfach mal kurz die Ruhe genießen? Klar, du gibst immer nur dein bestes und im Grunde
genommen kannst du auch gar nichts dafür, doch.. ich weiß nicht, wie lange ich das noch
aushalte. Du erdrückst mich. Ich bekomme keine Luft mehr.
Was ich damit sagen will ist… ich werde den Sommer mit meinen Eltern am Meer
verbringen.
Warte heute Nacht nicht auf mich,
Kathreen Claire
Kathreen Claire ist 17 Jahre alt, lebt in Köln und das ist ihr Bewerbungstext für die Sommerakademie.
