Die Sache mit dem guten Stil
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Guter Stil hat nicht unbedingt etwas mit guter Erziehung zu tun. In unserem Fall ist er eher eine Frage der Schreibe und der Übung. Wie eigentlich immer im Leben. Theoretisch ist es ganz einfach:
1. Sei sparsam mit Adjektiven!
Sie blähen einen Text auf und dienen der Faulheit des Autors. Sie sind nur erlaubt, wenn sie zur Beschreibung notwendig sind. Sobald sie nur Zierrat werden – streichen!
2. Vorsicht bei Synonymen!
München ist München und nicht Isarmetropole. Mond ist Mond und nicht Erdtrabant. Hund ist Hund und nicht Vierbeiner. Jemand sagte lieber viermal etwas, als dass er hintereinander meinte, glaubte, anfügte und lächelte.
3. Benenne, was du siehst!
Nicht Unterhaltungselektronik, wenn Fernseher und Stereoanlage gemeint ist. Nicht Bäume, wenn es Eichen sind. Bevor nur „recht wenige Menschen in diesem Nachtbus mitfahren“ genauer sein, sind es drei oder zehn?
4. Klarer Satzbau, bitte!
Hauptsätze sind gut zu lesen. Eingeschobene Nebensätze machen das Lesen mühsam. Schachtelsätze sind verboten. Wenn Nebensatz, dann ordentlich anhängen. Beispiel:
Klarer Satzbau: Der Nachbar gießt die Blumen. Er ist erst gestern eingezogen, in die Wohnung gegenüber. Die stand lange leer, weil sie renoviert wurde.
Klarer Satzbauch: Der Nachbar, der erst gestern in die Wohnung gegenüber, die so lange leer stand, weil sie renoviert wurde, eingezogen ist, gießt die Blumen.
Merke: Subjekt und Prädikat eines Satzes gehören möglichst eng zusammen.
5. Hände weg von Phrasen!
Alle Konstruktionen, die wir vorgefertigt aus dem Satzbau-Regal nehmen sind Phrasen und damit kein guter Stil. Es gibt bekannte Phrasen wie:
Wenn es am schönsten ist, soll man… / Die Spitze des Eisbergs / Das Auge isst mit / Die Chemie hat nicht gestimmt / Die Zeit vergeht wie im Flug / Ding der Unmöglichkeit / Bretter, die die Welt bedeuten / Im Dunkel tappen / Im Nebel stochern etc.
Und getarnte Phrasen: Überwältigende Mehrheit / bleibt abzuwarten, ob… / das trügerische Idyll / die fieberhafte Suche / fester Boden unter den Füßen etc.
6. Wir brauchen keine Füllwörter!
Sie flutschen in jeden Satz und verwässern ihn. Weg damit: Allenfalls / allesamt / bei weitem / bekanntlich / demgegenüber / demgemäß / durchaus / erheblich / ergo / folglich / fraglos / gleichwohl / hinlänglich / insbesondere / jedenfalls / lediglich / letztlich/ mithin / naturgemäß / schlichtweg / sozusagen / überhaupt / unzweifelhaft / wohlgemerkt / zweifelsohne
Achtung, es gibt noch hunderte Füllwörter mehr!
7. Hüte dich vor Behördendeutsch!
Wer bei Ämtern, Pressesprechern, Politikern und Verbänden recherchiert, betritt ein ganz neues Sprachfeld, das meistens nichts mit gutem Schreibstil zu tun hat. Bloß nicht anstecken lassen! Bei allen substantivierten Verben und Adjektiven darfst du misstrauisch werden. Signale sind Endungen auf –keit und –ung. Meistens sind die einfachen Verben schöner.
Zum Beispiel: Verantwortung / Eignung / Instandsetzung / Befahrbarkeit / Überprüfung, Haftung / Widerstandsfähigkeit etc.
Das sagen nur Politiker und Behörden: Wohnhafte / Minderjährige / Stimmberechtigte / Entgelte / Kontaktaufnahme / Nichtbeachtung / Mobilisierung etc.
8. Fange den Satz nicht mit einem Umweg an!
Doch / Aber / Immerhin / Und / Da / Um. Ein guter Satz braucht solche scheinbaren Anschlüsse an den vorherigen Satz nicht. Meistens kannst du diese Füllwörter einfach streichen.
9. Ein Auge auf Satzzeichen
Punkt, Komma, Strich helfen uns, einen Text zu strukturieren. Vor allem der Gedankenstrich bietet eine gute Abwechslung im Satzbau – solange er nicht zu oft eingesetzt wird. Für den Doppelpunkt gilt: Er kann als Scharnier in einem Satz dienen und den Rhythmus eines Textes beschleunigen. Häuft sich der Doppelpunkt, wirkt er aber plump.
10. Fertig? Lese Dir deinen Text leise vor!
Beim Lesen merkst du, welche Sätze kompliziert sind, welche Wörter sich doppeln und wo sich der Leser langweilen könnte.
