Der Geist der Stadt

Kurze, schwarze Haare, Halbrandbrille, schwingender Rock, notiere ich in meinem Notizbuch und stecke den Stift wieder weg. Die Frau, die neben mir den Plastiksitz der Straßenbahn platt sitzt, lächelt mich freundlich an. Sofort krame ich wieder nach dem Kugelschreiber und kritzle: nettes Lächeln. Dann halte ich inne, der Stift bleibt über dem karierten Papier hängen.
Ein nettes Lächeln.
Was verbirgt sich wohl dahinter? Welche Abgründe lauern hinter den strahlend weißen Zähnen, den Lachfalten? Warum steigt die Frau an der Haltestelle Augustusplatz aus? Will sie sich mit einem Komplizen im Gewandhaus treffen? Missbraucht sie diese Stätte der Kultur am Ende für ihre finsteren Pläne?
Das Klingeln der Leipziger Straßenbahn holt mich aus meinen Gedanken zurück auf den Plastiksitz. Einen Augenblick lang finde ich mich nicht zurecht, hänge immer noch halb in meiner Fantasie. War ich nicht gerade noch…?
Nein.
Meine Fantasie ist mit mir durchgegangen. Und als ich auf das Notizbuch schaue, welches immer noch aufgeschlagen auf meinem Schoß liegt, muss ich grinsen. Meine Hand war so nett, sämtliche Gedankengänge mitzuschreiben. Ich bedanke mich im Stillen bei ihr.
Ich lese meine Notizen, als wären es nicht meine eigenen. Als hätte der Geist der Stadt und der Geist ihrer Leute meine Hand geführt und mir die perfekte Antagonistin für meine nächste Romanidee beschert. Dann verlasse auch ich die Straßenbahn und steige auf automobile Fortbewegung um. Der Geist der Stadt, wie ich ihn insgeheim nenne, lässt mich den ganzen Tag nicht mehr los. Ich weiß nicht, wie er es anstellt, aber er hat mir die Augenlieder angehoben und hält sie tapfer in Augenbrauenhöhe gestemmt. Ich sehe die Stadt in einem ganz anderen Licht.
Die einfallslosen Graffitis an den Wänden herrenloser Häuser leuchten plötzlich mit einer Energie, die die billige Sprayfarbe niemals hergeben würde. Sie schreien mich geradezu an, ich solle hinter ihre Fassade blicken und all die Inspiration aufklauben, die sie für mich versteckt haben. Die Schlaglöcher auf den vom Nachmittagsverkehr gebeutelten Straßen sind zu Stoßgebern für meine Gedanken geworden und rütteln an der verstaubten Kiste, die in meinem Kopf für die Ideen zuständig ist.
Kiste. Kistenhüter. Ein Schlagloch schenkt mir ein neues Wesen für die Welt, in der ich eine Fantasiegeschichte schreiben will und eine kurzhaarige Drogerieverkäuferin mutiert zum Vorbild für diese Kistenhüter.
Ich habe immer gedacht, Städte könnten nicht schön sein. Es gibt schöne Plätze, aber ebenso die Orte, die man nicht sehen will. In jeder Stadt ist es so und das hat sie für mich langweilig gemacht, weil sie alle gleich waren.
Doch der Geist meiner Stadt hat beschlossen, mir mit aller Kraft zu beweisen, dass Leipzig nicht nur die Ansammlung von Altbauten und Plattensiedlungen ist, für die ich es immer gehalten habe. Es sticht mir die Schönheit von Brücken, Parkanlagen und Denkmälern geradezu in die Netzhaut, es tut fast schon weh.
Weh tut auch mein Kopf, denn die Kiste in meinem Hinterstübchen ist übergelaufen und schleudert mir die Ideen durch die Gehirngänge. Immer wieder muss ich mitten auf einem baumwurzelzerstörten oder hundekotverseuchten Gehweg stehen bleiben, um Dinge zu notieren, von denen ich mir nicht sicher bin, ob ich sie später noch verstehe.
Doch auf einmal erstarrt der wirre Gedankensalat in meinem Kopf. Ich stehe im Clara-Zetkin-Anschluss und sehe zu, wie die Dunkelheit die Bäume verschluckt. Nur die Brücken hat sie mir zur Betrachtung gelassen. Hell werden sie angestrahlt. Und da glaube ich plötzlich, die Antagonistin auf einer der Brücken stehen zu sehen. Ich kneife die Augen zusammen. Ja, schwarze Haare, das Lächeln, der Rock.
Gedankenverloren lehnt sie sich über das Geländer. Ein Jogger erklimmt den Anstieg der Brücke und rempelt die Dame an. Sie strauchelt und fällt beinahe. War das der Komplize, den sie im Gewandhaus getroffen hat? Hat er ihr gerade einen Zettel zugesteckt? Ein Päckchen vielleicht? Am Ende noch eine Bombe?
Um das herauszufinden eile ich ebenfalls zur Brücke und geselle mich zu der Frau. Ich weiß ja, dass sie hinter ihrer Fassade nur Böses versteckt und die ganze schöne Stadt mit Sprenggraffitis und Briefbomben in Schutt und Asche legen will, doch ich kann ihrem netten Lächeln nicht standhalten und frage sie, ob es ihr gut geht. Sie bejaht und ich bin erleichtert. Doch dann entdecke ich das Notizbuch, welches ihr aus der Tasche gefallen ist. Ich hebe es auf und starre es misstrauisch an. Hat sie Informationen über mich gesammelt? Will sie mich zu ihrem ersten Opfer auf dem Weg zur Weltherrschaft machen?
„Ich schreibe, wissen sie?“ Die Frau lächelt verlegen und greift nach ihrem Notizbuch. Sofort beginnen meine Gedanken wieder damit, Purzelbäume zu machen und sie hören auch nicht damit auf, als ich wieder allein auf der Brücke stehe.
Sie schreibt? Wie ich? Seelenverwandtschaft? Was schreibt sie denn? Hat auch sie sich vom Geist der Stadt einfangen und führen lassen?
Bin ich am Ende noch ihre nächste Antagonistin?
In all dem Durcheinander finde ich gar keine Zeit für einen dankenden Gedanken an diese sprudelnde Quelle von Idee und Inspiration, einen Dank an den Geist meiner Stadt.
Liv ist 15 Jahre alt, lebt in Leipzig und das ist ihr Bewerbungstext für die Sommerakademie.
