Der Domgeist
Jeder kennt ihn. Den Kölner Dom.
Das, was jeder Tourist auf Anhieb mit dieser öden Stadt verbindet, der Rhein, der Karneval und natürlich der Dom. Mein Dom, um das einmal klar zu stellen.
Er wurde nicht für irgendwelche (mehr oder weniger Schein-) Heiligen gebaut, sondern für mich. Als er Mitte des 13. Jahrhunderts erbaut wurde – oder war es das 14. ? Ach, die Zeit vergeht ja so schnell – habe ich mich natürlich riesig über dieses Geschenk gefreut.
Obwohl die Figuren ein bisschen sehr steif und kalt sind, sind sie fähige Diener, das muss man ihnen schon lassen.
Tagsüber muss ich allerdings auf ihre Dienste verzichten, denn es ist meine Aufgabe, den Kölner Dom zu repräsentieren. Ich liebe es, wenn all die Kameras auf mich gerichtet sind, und das sind sie selbstverständlich immer. Bescheiden wie ich bin, sage ich natürlich, dass das Blitzlichtgewitter meinen Dienern gewidmet ist oder der gotischen Bauweise. Aber ganz ehrlich – wer fotografiert schon den Schwachsinn von gotischer Architektur, wenn man einen echten Geist haben kann?
Ich meine – Hallo?! – ich bin eine wahre Legende. Als meine Affäre mit Uschi leider wegen ihrem übertriebenem Märtyrertod beendet war, teilweise auch, weil ich mit ihr gestorben bin und sie leider kein Geist geworden ist (keine Ahnung, was für ein Streber sie war, wahrscheinlich konnte sie die Bibel auswendig, so dass sie einfach nur friedlich gestorben ist). Jedenfalls war ich einsam und alleine, ich bin an sämtlichen Single-Börsen gescheitert. Tja, auf dem Viehmarkt gab es nicht sonderlich viel nieveauvolle und akademische Auswahl.
Aber dann kam sie.
Lange goldene Haare, die in sanfter Anmut leicht wie Weizen im Winde über ihren Rücken fließen, Augen, die jeden Seemann, Knaben und natürlich auch Geist in ihren Bann zogen, straffe Kurven und die weiblichste Figur, die ich je gesehen hatte.
Tut mir leid, Uschi!
Aber ich konnte ihr nicht widerstehen. Gerade hatte ich mein neues Zuhause, die Villa Kölner Dom mit exklusivem Blick über das Möchtegernlondon , bezogen und natürlich auch viel Platz.
Ihr Mega-Fischschwanz muss ja auch irgendwo Platz haben.
Leider, leider war die Feuchtigkeit nicht ausreichend für sie. Wir mussten unsere Beziehung beenden, trocken aber heiß.
Und so friste ich mein Dasein momentan mit nichts weiter als der tristen Gesellschaft meiner Heiligenfiguren, da sie nur still philosophieren und ihre Denkerposen in Schale werfen können.
Dafür gibt es ja doch Touristen – oder?
Manchmal erschrecke ich ein oder zwei kleine Kinder am Tag, wenn es wieder besonders langweilig ist und es einfach nicht schnell genug dunkel wird, wie etwa im Sommer.
Diese rennen dann zu ihrem Mamis und Papis und machen gewaltig Werbung für mich als Model für Urlaubsbilder, weil ihre Schützlinge natürlich ein Foto mit mir wollen. So kommt man herum, sage ich immer.
Heute ist es besonders schlimm. Es ist sieben Uhr. Also wenn ich daran denke, dass ich als Kind immer um sechs Uhr daheim sein musste, bekomme ich die Krise, wenn immer noch so viele Leute um mich herumschwirren, sodass es kaum möglich ist, endlich den Kölner Dom zum Leben zu erwecken.
Ich sehe vier Mädels vor mir, jede ein Handy in der Hand, eines dieser Aifons mit den Äps, und Knips Knips Knips Knips jede hat ein Bild von mir. In so einer digitalen Welt sollte es doch möglich sein, sie auszutauschen. Ist das Blutuf nicht schon längst erfunden? Oder das Innternät?
Egal, wie auch immer. Das schreckliche ist ja eigentlich, dass sie einfach nur dastehen, mich ewig ansehen und vor sich hin brabbeln.
„Er könnte doch ein gutes Fantasyelement sein, meint ihr nicht?“, fragt eine von ihnen. Die Blonde, die mich an eine Puppe erinnert, wie heißt sie noch gleich?
„Ja, auf jeden Fall. Brauchen wir bestimmt für den Radiobeitrag…“
Und so weiter.
Warum fragen sie mich nicht einfach? Ist es so absurd eine Dämonenstatue am Eingang des Kölner Doms nach ihrer Geschichte zu fragen?
Ich meine hallo?!


Geil, geil, geil, Laura!!!
Wie wärs noch mit einem Text zu Mittelköln?