Archiv-Kategorie ‘Stadtgeschichten’

Schildergasse

By HOPflaume (Own work) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC-BY-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)], via Wikimedia Commons

Ein Ort, dessen Namen ich mir einfach schlecht einprägen kann. Schinlderweg? Schwandergasse? …Nein, da war doch was, achja Schildergasse!
Egal, Namen sind unwichtig, so lange man dort gut shoppen kann. Zum Beispiel habe ich in einem Laden, den es in meinem geliebten Augsburg (sprich: Augschburg ) nicht gibt: Berschka, siehe Carlas Beitrag. Dort habe ich auch meine absolute Traumjacke gefunden.

Am Dienstag, als wir losgeschickt wurden, um interessante Personen nach einem Interview zu fragen, hieß es zu erst, wir sollten uns ältere Personen suchen und schließlich jüngere. De Kölner wissen ja au net, wat se wollen, oder?
Nachdem wir nach 20 Leute erfolglos gebeten hatten, sich an unserem Projekt zu beteiligten, fragten wir schließlich Veronika.

Unsere beiden Reportagen über Veronika werden hoffentlich demnächst hier erscheinen…

Der Domgeist

Einer meiner Bodyguards (große Statue) und ich!!!

Einer meiner Bodyguards (große Statue) und ich!!!

Jeder kennt ihn. Den Kölner Dom.
Das, was jeder Tourist auf Anhieb mit dieser öden Stadt verbindet, der Rhein, der Karneval und natürlich der Dom. Mein Dom, um das einmal klar zu stellen.
Er wurde nicht für irgendwelche (mehr oder weniger Schein-) Heiligen gebaut, sondern für mich. Als er Mitte des 13. Jahrhunderts erbaut wurde – oder war es das 14. ? Ach, die Zeit vergeht ja so schnell – habe ich mich natürlich riesig über dieses Geschenk gefreut.
Obwohl die Figuren ein bisschen sehr steif und kalt sind, sind sie fähige Diener, das muss man ihnen schon lassen.
Tagsüber muss ich allerdings auf ihre Dienste verzichten, denn es ist meine Aufgabe, den Kölner Dom zu repräsentieren. Ich liebe es, wenn all die Kameras auf mich gerichtet sind, und das sind sie selbstverständlich immer. Bescheiden wie ich bin, sage ich natürlich, dass das Blitzlichtgewitter meinen Dienern gewidmet ist oder der gotischen Bauweise. Aber ganz ehrlich – wer fotografiert schon den Schwachsinn von gotischer Architektur, wenn man einen echten Geist haben kann?
Ich meine – Hallo?! – ich bin eine wahre Legende. Als meine Affäre mit Uschi leider wegen ihrem übertriebenem Märtyrertod beendet war, teilweise auch, weil ich mit ihr gestorben bin und sie leider kein Geist geworden ist (keine Ahnung, was für ein Streber sie war, wahrscheinlich konnte sie die Bibel auswendig, so dass sie einfach nur friedlich gestorben ist). Jedenfalls war ich einsam und alleine, ich bin an sämtlichen Single-Börsen gescheitert. Tja, auf dem Viehmarkt gab es nicht sonderlich viel nieveauvolle und akademische Auswahl.
Aber dann kam sie.
Lange goldene Haare, die in sanfter Anmut leicht wie Weizen im Winde über ihren Rücken fließen, Augen, die jeden Seemann, Knaben und natürlich auch Geist in ihren Bann zogen, straffe Kurven und die weiblichste Figur, die ich je gesehen hatte.
Tut mir leid, Uschi!
Aber ich konnte ihr nicht widerstehen. Gerade hatte ich mein neues Zuhause, die Villa Kölner Dom mit exklusivem Blick über das Möchtegernlondon , bezogen und natürlich auch viel Platz.
Ihr Mega-Fischschwanz muss ja auch irgendwo Platz haben.
Leider, leider war die Feuchtigkeit nicht ausreichend für sie. Wir mussten unsere Beziehung beenden, trocken aber heiß.
Und so friste ich mein Dasein momentan mit nichts weiter als der tristen Gesellschaft meiner Heiligenfiguren, da sie nur still philosophieren und ihre Denkerposen in Schale werfen können.
Dafür gibt es ja doch Touristen – oder?
Manchmal erschrecke ich ein oder zwei kleine Kinder am Tag, wenn es wieder besonders langweilig ist und es einfach nicht schnell genug dunkel wird, wie etwa im Sommer.
Diese rennen dann zu ihrem Mamis und Papis und machen gewaltig Werbung für mich als Model für Urlaubsbilder, weil ihre Schützlinge natürlich ein Foto mit mir wollen. So kommt man herum, sage ich immer.
Heute ist es besonders schlimm. Es ist sieben Uhr. Also wenn ich daran denke, dass ich als Kind immer um sechs Uhr daheim sein musste, bekomme ich die Krise, wenn immer noch so viele Leute um mich herumschwirren, sodass es kaum möglich ist, endlich den Kölner Dom zum Leben zu erwecken.
Ich sehe vier Mädels vor mir, jede ein Handy in der Hand, eines dieser Aifons mit den Äps, und Knips Knips Knips Knips jede hat ein Bild von mir. In so einer digitalen Welt sollte es doch möglich sein, sie auszutauschen. Ist das Blutuf nicht schon längst erfunden? Oder das Innternät?
Egal, wie auch immer. Das schreckliche ist ja eigentlich, dass sie einfach nur dastehen, mich ewig ansehen und vor sich hin brabbeln.
„Er könnte doch ein gutes Fantasyelement sein, meint ihr nicht?“, fragt eine von ihnen. Die Blonde, die mich an eine Puppe erinnert, wie heißt sie noch gleich?
„Ja, auf jeden Fall. Brauchen wir bestimmt für den Radiobeitrag…“
Und so weiter.
Warum fragen sie mich nicht einfach? Ist es so absurd eine Dämonenstatue am Eingang des Kölner Doms nach ihrer Geschichte zu fragen?
Ich meine hallo?!

Schwabenherz

Description: Brechthaus in Augsburg, Bavaria, Germany * Photographer: Peter Bubenik * Date: 2004-09-03 * First uploaded to de-Wikipedia by de:Benutzer:Wolpertinger as de:Bild:030904 augsburg-brechthaus 1-640x480.jpg * File history in de-WikipeDurch die Straßen gehend kommt das Gefühl von Heimat auf. Das Gefühl, von jedem mit einem Lächeln begrüßt zu werden, lässt nicht los.
Es nimmt sogar noch zu. Besonders an Feiertagen, freien Wochenenden, beim Schlendern durch die Altstadt, durch die Fuggerstraße, wo man an kleinen Häusern und netten älteren Menschen, die hier für wenig Geld im Monat leben dürfen, vorbeigeht, kommt Wärme auf, wenn die Sonne scheint.
Das hohe Friedensfest am 8. August zieht an keinem Einwohner vorbei, jeder profitiert davon und streckt denen, die dieses Fest nicht genießen dürfen, die Zunge raus. Denn sie leben in dieser Stadt, im Herzen von Schwaben, und in keiner anderen.
Von Zeit, Geschichte und Religion geprägt ragen Gebäude in die Höhe. Wie der Perlachturm am Rathausplatz, oder die Basilika St. Ulrich und St. Afra am Ulrichsplatz. Sie gelten als Stadtheilige. Als Stadtgöttin wurde Cisa verehrt, bevor sie langsam im Vergessenheit gerät. Heute wissen nur noch die wenigsten von ihr, obwohl sie auf einer Wetterfahne des Perlachturms abgebildet ist.

Wer schon öfter hier gewesen ist, kennt den Stadtteil Oberhausen. Es ist schwer vorstellbar, dass hier der Ursprung des Schwabenherzens liegt. Oberhausen ist mittlerweile ein Ort, an dem sich niemand gerne Nachts aufhalten würde. Dabei wurde die Stadt genau dort gegründet, vor mehr als zweitausend Jahren. Somit gilt sie als zweitälteste Stadt Deutschlands, gleich nach Trier. Vor Christus Geburt wurde hier unter dem Befehl von Kaiser Augustus ein römisches Legionslager errichtet.
Die Stadt erfuhr in ihrer Geschichte viele historische Höhepunkte. Neben der im  16. Jahrhundert vorherrschenden Position als  wichtiges Wirschafts- und Handelszentrum der damaligen Welt, hervorgerufen durch die Fugger und Welser, steht die Erfindung des Dieselmotors durch den Namensgeber Rudolf Diesel. Noch heute rollen seine Erfindungen durch Deutschlands Straßen, als Lastwagen mit einem MAN Logo auf der Nase.

Doch leider blieb auch das Herz von Schwaben nicht vom Holocaust verschont. Es ist und bleibt ein dunkler Fleck im Bewusstsein der Stadt, dass sie dem Nationalsozialismus gefolgt ist, anstatt nach zu denken und seine Einwohner zu beschützen. Denn Juden zählten richtig dazu, es gab einen Friedhof und eine Synagoge, deren Bau 1914 angefangen wurde. Sie wurde Opfer der Reichsprogromnacht: Das jüdische Glaubenszentrum wurde in Schutt und Asche gelegt.

Ein Glück, dass sie wieder erbaut worden ist. Es ist ein sehr schönes Gebäude geworden, das viele Besucher erstaunen lässt.

Die Synagoge ist aber nicht die einzige kulturelle Einrichtung, die einer Besichtigung wert ist. Das Stadttheater bietet neben gewöhnlichem Theater auch Opern an, und – was schon seit langem Kinder und auch nocht Erwachsene verzückt – die Abenteuer von Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer. „Eine Insel mit zwei Bergen und tiefen, weiten Meer. Mit viel Tunnels und Geleisen und dem Eisenbahnverkehr…“, na, klingelt da etwas? Diese Melodie sollte für Fußballfans bekannt sein – sie wird gespielt, wenn der ansässige Bundesligaverein ein Tor geschossen hat.
Zwar weniger berühmt aber nicht minder beliebt ist Urmel aus dem Eis. Dieses Puppenspiel stammt aus der gleichen Schmiede, sozusagen aus der gleiche Kiste. Read the rest of this entry »

Der Geist der Stadt

{Information |Description={{en|1=German tram sign - Beginn der Kurvenschmieranlage}} {{de|1=Straßenbahnsignal in Deutschland: Beginn der Kurvenschmieranlage}} |Source={{own}} |Author=PaulT |Date=2010-09-10 |Permission= |other_versions= }}

Kurze, schwarze Haare, Halbrandbrille, schwingender Rock, notiere ich in meinem Notizbuch und stecke den Stift wieder weg. Die Frau, die neben mir den Plastiksitz der Straßenbahn platt sitzt, lächelt mich freundlich an. Sofort krame ich wieder nach dem Kugelschreiber und kritzle: nettes Lächeln. Dann halte ich inne, der Stift bleibt über dem karierten Papier hängen.
Ein nettes Lächeln.
Was verbirgt sich wohl dahinter? Welche Abgründe lauern hinter den strahlend weißen Zähnen, den Lachfalten? Warum steigt die Frau an der Haltestelle Augustusplatz aus? Will sie sich mit einem Komplizen im Gewandhaus treffen? Missbraucht sie diese Stätte der Kultur am Ende für ihre finsteren Pläne?
Das Klingeln der Leipziger Straßenbahn holt mich aus meinen Gedanken zurück auf den Plastiksitz. Einen Augenblick lang finde ich mich nicht zurecht, hänge immer noch halb in meiner Fantasie. War ich nicht gerade noch…?
Nein.
Meine Fantasie ist mit mir durchgegangen. Und als ich auf das Notizbuch schaue, welches immer noch aufgeschlagen auf meinem Schoß liegt, muss ich grinsen. Meine Hand war so nett, sämtliche Gedankengänge mitzuschreiben. Ich bedanke mich im Stillen bei ihr.

Ich lese meine Notizen, als wären es nicht meine eigenen. Als hätte der Geist der Stadt und der Geist ihrer Leute meine Hand geführt und mir die perfekte Antagonistin für meine nächste Romanidee beschert. Dann verlasse auch ich die Straßenbahn und steige auf automobile Fortbewegung um. Der Geist der Stadt, wie ich ihn insgeheim nenne, lässt mich den ganzen Tag nicht mehr los. Ich weiß nicht, wie er es anstellt, aber er hat mir die Augenlieder angehoben und hält sie tapfer in Augenbrauenhöhe gestemmt. Ich sehe die Stadt in einem ganz anderen Licht.
Die einfallslosen Graffitis an den Wänden herrenloser Häuser leuchten plötzlich mit einer Energie, die die billige Sprayfarbe niemals hergeben würde. Sie schreien mich geradezu an, ich solle hinter ihre Fassade blicken und all die Inspiration aufklauben, die sie für mich versteckt haben. Die Schlaglöcher auf den vom Nachmittagsverkehr gebeutelten Straßen sind zu Stoßgebern für meine Gedanken geworden und rütteln an der verstaubten Kiste, die in meinem Kopf für die Ideen zuständig ist.
Kiste. Kistenhüter. Ein Schlagloch schenkt mir ein neues Wesen für die Welt, in der ich eine Fantasiegeschichte schreiben will und eine kurzhaarige Drogerieverkäuferin mutiert zum Vorbild für diese Kistenhüter.

Ich habe immer gedacht, Städte könnten nicht schön sein. Es gibt schöne Plätze, aber ebenso die Orte, die man nicht sehen will. In jeder Stadt ist es so und das hat sie für mich langweilig gemacht, weil sie alle gleich waren.
Doch der Geist meiner Stadt hat beschlossen, mir mit aller Kraft zu beweisen, dass Leipzig nicht nur die Ansammlung von Altbauten und Plattensiedlungen ist, für die ich es immer gehalten habe. Es sticht mir die Schönheit von Brücken, Parkanlagen und Denkmälern geradezu in die Netzhaut, es tut fast schon weh.
Weh tut auch mein Kopf, denn die Kiste in meinem Hinterstübchen ist übergelaufen und schleudert mir die Ideen durch die Gehirngänge. Immer wieder muss ich mitten auf einem baumwurzelzerstörten oder hundekotverseuchten Gehweg stehen bleiben, um Dinge zu notieren, von denen ich mir nicht sicher bin, ob ich sie später noch verstehe.
Doch auf einmal erstarrt der wirre Gedankensalat in meinem Kopf. Ich stehe im Clara-Zetkin-Anschluss und sehe zu, wie die Dunkelheit die Bäume verschluckt. Nur die Brücken hat sie mir zur Betrachtung gelassen. Hell werden sie angestrahlt. Und da glaube ich plötzlich, die Antagonistin auf einer der Brücken stehen zu sehen. Ich kneife die Augen zusammen. Ja, schwarze Haare, das Lächeln, der Rock.
Gedankenverloren lehnt sie sich über das Geländer. Ein Jogger erklimmt den Anstieg der Brücke und rempelt die Dame an. Sie strauchelt und fällt beinahe. War das der Komplize, den sie im Gewandhaus getroffen hat? Hat er ihr gerade einen Zettel zugesteckt? Ein Päckchen vielleicht? Am Ende noch eine Bombe?
Um das herauszufinden eile ich ebenfalls zur Brücke und geselle mich zu der Frau. Ich weiß ja, dass sie hinter ihrer Fassade nur Böses versteckt und die ganze schöne Stadt mit Sprenggraffitis und Briefbomben in Schutt und Asche legen will, doch ich kann ihrem netten Lächeln nicht standhalten und frage sie, ob es ihr gut geht. Sie bejaht und ich bin erleichtert. Doch dann entdecke ich das Notizbuch, welches ihr aus der Tasche gefallen ist. Ich hebe es auf und starre es misstrauisch an. Hat sie Informationen über mich gesammelt? Will sie mich zu ihrem ersten Opfer auf dem Weg zur Weltherrschaft machen?
„Ich schreibe, wissen sie?“ Die Frau lächelt verlegen und greift nach ihrem Notizbuch. Sofort beginnen meine Gedanken wieder damit, Purzelbäume zu machen und sie hören auch nicht damit auf, als ich wieder allein auf der Brücke stehe.
Sie schreibt? Wie ich? Seelenverwandtschaft? Was schreibt sie denn? Hat auch sie sich vom Geist der Stadt einfangen und führen lassen?
Bin ich am Ende noch ihre nächste Antagonistin?
In all dem Durcheinander finde ich gar keine Zeit für einen dankenden Gedanken an diese sprudelnde Quelle von Idee und Inspiration, einen Dank an den Geist meiner Stadt.

Liv ist 15 Jahre alt, lebt in Leipzig und das ist ihr Bewerbungstext für die Sommerakademie.

(M)eine Stadt

CopyrightOlgaOhlssonSommer. Das Flugzeug kreist über dem südchinesischen Meer. Langsam bekommt man einen Blick auf die Stadt. Das Wasser ist stechend blau. Bilderbuchblau. Blau ist es hier immer, am Tag hellblau, in der Nacht dunkelblau. Grau ist es nur, wenn es so sehr stürmt, dass man das Haus nicht verlassen sollte.
Das Flugzeug landet sachte auf der Landebahn, die bis in das Wasser reicht.
Es ist brennend heiß. So heiß, dass man denkt, der Asphalt würde einem unter den Füßen wegschmelzen. So heiß, dass die Köpfe der hektisch herumrennenden Gestalten glühen. So heiß, dass man eigentlich nicht hinausgehen möchte.
Drinnen ist es eiskalt. Kalt wie im Winter, man möchte eigentlich seine Winterkleidung aus dem Koffer kramen. Blöd, ich habe keine Jacke dabei.

Der Flughafen ist überfüllt und vollgestopft. Vollgestopft mit Menschen, die herumschlendern, auf der Suche nach Freunden, Verwandten, einem bestimmten Laden. Nach stundenlangem Suchen finde ich meinen Koffer. Endlich raus hier, noch denke ich, dass sich die Menschenmengen draußen verlieren würden.
Raus in die Freiheit. Es ist wieder unangenehm heiß. Schnell zum Auto laufen, dort ist es wieder angenehm kühl. Ich darf vorn sitzen, also laufe ich auf die rechte Seite des Autos. Doch hier fährt man auf der linken Seite der Straße, also sitzt der Beifahrer links, nicht rechts. Anders.

Alles hier ist so anders.

Endlich fährt das Auto weg vom Flughafen auf die Straße. Nicht nur der Flughafen war überfüllt, auch auf der Straße fahren die Autos dichtgedrängt aneinander. Es ist so brechend voll, dass ich den Überblick verliere.

Sommer. Hitze. 30Grad, manchmal sogar 40 Grad heiß. Ich bin auf der Suche nach Antworten. Antworten auf Fragen, die ich noch nicht gestellt habe, geschweige denn, dass sie mir bekannt wären.

Das Auto wird wieder langsamer. Ich werfe einen Blick hinaus auf die dicht besiedelten Straßen. Menschen schlurfen in schnellen Schritten über die Straßen, fast schon hektisch. Links von mir spielen Kinder an ihren Handys, rechts von mir sitzen alte Damen, die die Szene beobachten, genauso wie ich, nur ist es für sie grauer Alltag geworden. Neben ihnen sitzen ihre ebenso alten Ehegatten. Sie spielen Mahjong oder lesen in ihrer Zeitung, immer darauf bedacht, nicht zu sehr aufzufallen.

Die Restaurants sind zu dieser Zeit voll besetzt. Kaum einer sitzt um diese Uhrzeit zuhause, die Küchen sind zu klein zum Kochen, die Wohnungen zu klein um die Familie einzuladen. Alle sitzen sie an runden Tischen. Man lacht, tauscht sich aus.

Sommer. Alles ist mir fremd. Das soll also meine Stadt werden.

Spätsommer. Die Luft ist immer noch unangenehm warm, drinnen ist es immer noch bitterkalt. Doch das stört mich schon lange nicht mehr, ständig schleppe ich eine Jacke mit mir rum, ich weiß nun was mich drinnen erwartet.

Ich sitze jetzt selber an den runden Tischen in den gutbesuchten Restaurants. Ob mit Freunden, meiner Familie oder sogar mit komplett fremden Menschen. Ich sitze dort und esse. Nein, ich esse nicht einfach, ich probiere, denn alles, was ich zu mir nehme, ist so neu. Mal schlinge ich, weil es nicht schmeckt, mal genieße ich richtig. Jedes Essen ist ein neues Erlebnis. Ich bin Spaghetti gewohnt. Kartoffelpüree, Karotten, Steak, Hühnchen. Doch jetzt esse ich Reis. Reis mit Ochsenzunge, Muscheln, Schnecken und Hühnerfüßen. Die Reste spuckt man einfach auf den Tisch.

Irgendwo läuft immer der Fernseher. Es laufen chinesische Dramen, die im angeblich 18. Jahrhundert spielen sollen, doch die Ausstattung ist schlecht. In den Räumen stehen moderne Lampen, die Schauspieler haben Handys, in ihren Taschen. Es gibt eine Menge Werbung. Ob in den Werbepausen in Fernsehen oder auf der Straße. Leuchtreklamen schmücken die Hauswände, und taucht die Silhouette der Stadt in ein buntes Lichtmeer. Die Lichter gehen niemals aus, es ist fast so, als würden sie einen beobachten. Egal, ob es die Lichter in den Häusern sind, in denen Familien sich für die Nacht fertig machen, oder die Lichter in den Treppenhäusern, die Lichter in den Läden und Schaufenstern oder die Lichter der Autos und Busse die niemals stillstehen.

Auch mitten in der Nacht sind hier noch tausende Menschen unterwegs. Menschenmassen wie wir sie aus Deutschland nicht kennen.

Herbst. Endlich kühlt es ein wenig ab. Endlich habe ich Fragen gefunden, die ich stellen kann. Doch niemand hat eine Antwort. Niemand außer der Stadt.

Die Stadt richtet nicht. Für sie sind wir alle gleich, sie bevorzugt niemanden, und lässt niemanden zurück. Doch woraus besteht die Stadt eigentlich?

Herbst. Die Zeit, in der es Spaß macht, an den Strand zu gehen. Endlich kann man in der Sonne liegen, ohne gegrillt zu werden. Das Wasser hat eine perfekte Temperatur. Gerade so kalt, dass man abgekühlt wird. Man liegt am Strand während 500 Meter weiter riesige Hochhäuser aus der Erde ragen.

Man liegt man Strand während 500 Meter weiter riesige Berge zum Himmel ragen. Alles auf einmal. Berge, Meer, Großstadt. Read the rest of this entry »

Spezi getrunken

A board with "Lustgarten", Berlin * Author: Valentin Dietrich * Date: August 13, 2004 * Licence: Creative Commons Attribution ShareAlike Licence Version 2.0 (cc-by-sa-2.0) '''deNa, Schule abgeschlossen? Zum Studieren begonnen? Viele neue Leute kennengelernt? Beziehungen geführt? Streit gehabt? Freunden beim Kotzen die Haare zurückgehalten? Ich 16, lebe in Leoben, du 24, lebst wo?
Da schau. Schau. Schau, schau. Shia shao. Er dreht sich. Dreht sich. Und ist blau. Blau. Blau und dreht sich. Eine dieser japanischen 100-Mann Touristen Gruppen hat sich nach Leoben verirrt. Und der 100-jährige japanische Opa dreht sich. Weil er ein Gösser Bier getrunken hat. Alkohol vertragen wir Asiaten nicht.
Wenn ich diese Leute sehe, dann bin ich irgendwie wieder zuhause. Da wo ich hingehöre. Oder wenn ich etwas Besonderes rieche, dass es nur zuhause gibt, dann erinnert mich das an zuhause. Und dann merke ich woran ich bin und dass ich nur in Leoben lebe.

In welche Richtung soll ich?

Zeit tropft zäh, grau von der Regenrinne. Es ist leise, doch in mir drinnen ist es laut. Den Lärm der tausend Gedanken gefiltert, bin ich nach außen schlaftrunken und verstöpselt, stumm verweilend mit niedergedrückten, hängenden Schultern. Das Display leuchtet bläulich, neonkalt im kühlen Morgen. Kalt kalt kalt. Die Hände in den Jackentaschen schaue ich auf den Boden. Oh der Typ von gestern sieht mich an. Innerlich lache ich, nach außen mein Morgenblick. Und er ist doch nur wie die anderen hier.

Die anderen, die gehen alle in meine Schule. Im Hinterhof, wo’s dunkel ist. Sie alle, alle Mädels sind Emo-Verschnitte mit seltsam abgestuften Haaren und pinken Fell-Jäckchen, in säulenfesten Schenkeln, umspannt von aufplatzenden Leggins. Und alle Jungs sind schirch. Bis auf den einen da, aber er ist nur gleich. Die haben keinen Humor, keinen Stil, die haben nix. In der Pause trinken sie alle ein Spezi. Was wo anders ein Starbucks-Kaffeebecher ist, ist hier ein Spezi. Und bei McDonalds, dem Einzigen im Umkreis von 100 Kilometern, bestellen sie die fettesten Burger. Und figurbewusst ein Spezi-Light.

In jedem urrussischen Scheiß-Kaff ist mehr los. Die Intelligenten, sind ohnehin schon weg. Aber die unweltoffenen Talbewohner wachen hier, wägen sich im Glauben im Schmelztiegel der Welt zu leben. Willkommen in L A, äh.. LE. In der Pseudo-Stadt, im Bauernverband, Inzuchttal, Bergknast, wo jeder Hinterwäldler jeden kennt. Die sind unisono-blöd. Hier kann man nicht mal beim Fenster rausschauen. Weil wenn ich bei meinem Fenster rausschaue, hab ich einen Berg vor meinem Gesicht. Ich sehne mich nach der Welt. Anstatt Nadelwälder Palmpflanzen, anstatt alter Autobusse eisklimatisierte Expresszüge, riesige, nachts aufleuchtende Werbetafeln statt Dorffest-Ankündigungen.

Der Wind trägt tote Blätter über kalte Zebrastreifen. Es heult durch leere Straßen. Pflasterböden schlucken seltene Stimmen. In welche Richtung soll ich?

Mein Leben jetzt ist los. Ich hab’s aufgegeben Leute zu finden, die so sind wie ich. Die gibt’s hier nicht. Ich verstell mich nicht für die. Denn das färbt alles nur auf mich ab. Ich bin eine Großstadt-Bitch.

In welche Richtung soll ich?

Deine Mitarbeit ist SO! Keine Hausübung je gebracht. Mi scherts nerma!! Nichts hinterfragende Auswendiglernstreberin die auf jeden Schulscheiß eine Antwort, aber vom wahren Leben keine Ahnung hat, das bin nicht ich. Meine Seele verkümmert. Mein kleines Herz will den Schmerz nicht. Übrig bleibt eine verkommene Hülle, ich mutiere zum Kleinstadt-Zombie. Die Kleinstadt gehört mir. Ich verstöpsele mich und tanze. Die grauen Leute sehen mich an.

Zu Ostern war ich mit meinem Opa in Berlin. Der Rausch der Stadt ist breit und zieht dich in seinen Bann. Aus jeder Richtung dröhnt die Stadt, knisternde Geladenheit versprüht von stolzen Glasburgen. Der Rausch reißt nie ab.       Ich habe mich gefühlt, als würde der Bauerntrampel einen Schritt in die Welt setzten, als wäre ich gebrandmarkt. In Berlin gibt es viel. Und ich bin nicht allein. Ich tanz die ganze Nacht und ich bin nicht allein.

Ich glaube wir haben geplant mit 18 spätestens aus Österreich zu verschwinden. Ich hoffe Mama hat es nicht geschafft dir das auszureden. Und scheiß auf Papa, ob es ihm passt, dass du weg bist oder nicht. Geh! Weit weg von wo du aufgewachsen bist. Aber ruf Mama regelmäßig an, dann fliegt sie dir nicht hinterher.

In welche Richtung soll ich? Meinen Bauern-Schlampenstempel, den werde ich nicht los. Ich bin in Berlin, aber ich hab hier mein Spezi getrunken.

Für die version festspiele berlin statt zu ostern in berlin in new york nehmen, und meine tagebuchgedanken: angekommen in der stadt in der ich gewusst habe wie es sich dort anfühlt ehe ich dort je war.. und doch weiß ich nicht ob ich richtig bin.

Martin ist 17 Jahre alt, lebt in der Nähe von Graz und das ist sein Bewerbungstext für die Sommerakademie.

The Sound of Music und der Klang des Schnürlregens


By Thomas Pintaric (= Pintaric) (Own work) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)], via Wikimedia CommonsOder: Wo Mozart sich im Grab umdreht


Was hinter all dem Getue und Geziere der Festspieldiva steckt und wie die Salzachschönheit den lieben langen Tag so mit ihren Salzbürgern, Touristen und Straßenmusikanten umspringt. 

All das offenbart sich, wenn man einen ganz unprätentiösen Blick hinter die Fassade Salzburgs hinein in den Alltag wirft, der die einen zur Entrüstung treibt, die anderen zur Verzückung und die dritten, zu denen sich auch unsere Autorin zählt, zur ironisch-liebevollen Distanz zu dieser Stadt nötigt.

Salzburg ist SO SCHÖN. Grüne Ufer, das auf türkisblauen Wellen Walzer tanzende „Amadeus“-Schiffchen, das bei Touristen für Ekstase und bei Einheimischen für Augenrollen sorgt, die über barocken Kuppeln und gotischen Spitzen thronende Festung, Mozarts-Geburts- und andere Häuser in adretten Pastelltönen…

All das war gestern, da strahlte die Salzachschönheit noch, da geizte die Diva nicht mit ihren Reizen.
Doch die Dame ist launisch, über Nacht hat der Regen all den Prunk weg gewaschen wie  bröckelnde Wimperntusche, zurück bleibe ich und die Sturmböen, die mir ins Gesicht schlagen während ich demotiviert den Giselakai entlang latsche.
Meine gute Stimmung schwimmt, versinkt, ertrinkt in den sich schlammgrau dem Untersberg entgegenwälzenden Wassern der Salzach, dem Fluss, der früher das weiße Gold auf den Salzschiffen von den Halleiner Salinen in die Stadt trug.
Den fetten Erzbischöfe bescherte das den schmackhaften Braten und die goldene Nase, die vermutlich wunderschön mit den gepuderten Perücken und den dekadenten Nerzmänteln harmonierten. Pelz trägt man übrigens heute noch gerne in „meiner Stadt“, bevorzugt mit Stöckelschuhen, Perlen und strengem Zug um die Mundwinkel.

Dieser Schnürlregen hat es mit seiner durch vier Jahreszeiten währenden Omnipräsenz sogar ins  Online-Lexikon „Salzburgwiki“ geschafft:
„Der Salzburger Schnürlregen fällt aufgrund einer besonderen Windkonstellation in schrägen Schnüren vom Himmel, ist bald vorbei und hinterlässt die schöne Stadt wiederum rein gewaschen im herrlichsten Sonnenlicht“ Da war wohl ein  Patriot am Werk, den sich in Schuhsolen saugenden und über die Leber rinnenden Nieselregen auf diese Weise schönzureden.
Etwas authentischere Stimmen beschreiben ihn weniger romantisch mit den Worten „Sauwetter, bleds“ (Martin, 17) oder „frustrierendes Geschütte, vor dem man als  Spaziergängerin nur mit erhobenem Regenschirm kapitulieren kann“ (Clara, 21).
Tja. In Salzburg regen jährliche 1700 Sonnenstunden die Vitamin-D-Produktion an, in Phoenix, Arizona kommen sie auf 312 TAGE. Naja. Dafür essen wir hier mehr Gemüse.
Am besten erntefrisch vom Salzburger Grünmarkt, wo man auf den ersten Blick positiv überrascht von den Kilopreisen für Paradeiser und Erdäpfel ist, bis einen – oh Schreck -  der Blitz der Erleuchtung trifft: Die Preise beziehen sich aufs Viertelkilo.
9 Euro für eine Schale Walderdbeeren? Immer!
Meine Stadt gehört mir nicht.
Sie gehört den Japanern, die wie beim Moorhuhnschießen einen Kirchturm nach dem anderen blitzen ihnen gehört auch der sich beim Anblick seiner rufschädigenden Replikate im Grab umdrehende Mozart: Mozart-Gummienten, -Parfum, -Schinken und Mozartkugel.
Pferdeschwemme? Von Wegen! Eher Italienerschwemme, vor allem um die Christkindlmarkt-Saison, ganz zu schweigen von den Amerikanerinnen mittleren Alters, die auf der verzweifelten Suche nach dem verklungenen „Sound of Music“ mit ihrer Leibesfülle die engen Gassen verstopfen und sie mit ihren schrillen Stimmen zur nervenstrapazierende Geräuschkulisse machen.

Meine Stadt ist Fassade, Bühnenbild, durch die aktuellen Milliardenspekulationen zur Skandalnudel avanciert.
Aber hübsch ist sie. Es lässt sich gut mit ihr angeben.
Und man kennt Töchterchen Salzburg, in allen Längen- und Breitengraden, selbst dort, wo man von Mama Österreich noch nichts gehört hat.
„Selbst diejenigen Franzosen, die mich als Österreicherin unwissentlich dem Land der Kängurus zugeordnet haben, wussten mit dem Namen „Salsbürsch“ etwas anzufangen“ erzählt die 18-jährige Anna, die ein Semester als Austauschschülerin in Südfrankreich verbracht hat.
„Selbst die Landeshaupstadt Wien haben sie  nationalherrlich der Region „Rhône-Alpes“ zugeordnet, weil es dort nahe Lyon ein „Vienne“ gibt. Salzburg war dafür fast jedem ein Begriff.
Das ehrt einen dann doch, und sei man sonst die zynischste Kritikerin dieses überteuerten, prestigegeilen Provinznests“, lacht sie.

Salzburg gibt sich als Schmelztiegel der Kulturen aus, solange diese im weitesten Sinne dem Wortfeld Klassik, Volkstümliches oder Festspiele zuzuordnen ist.
Die Kunst der kleinen Leute kämpft in Salzburg mit Minderwertigkeitskomplexen.
Grafitti, Straßenmusik und Spontanaktionen werden hier eher geduldet als gefördert. Das mag unter anderem auch daran liegen, dass die ansässigen Bürger die in der Bevölkerungsentwicklung so gefürchtete Urnenform sehr repräsentiert.

Salzburg ist eine Seniorenstadt, als Jugendlicher ist man hier sowieso potentieller Terrorist.
„Erst vorletzte Woche hat man mich in einer teuren Confiserie aufgefordert, meine Handtasche vor Augen der Security zu öffnen, und das, obwohl ich zwei Schachteln Pralinen erstanden habe. Das kann nur an meinem Alter gelegen haben!“, beschwert sich die 16-jährige Noemi.
Auch als ich in meiner adoleszenten Neugier im Trachtengeschäft auf Tuchfühlung mit der Seidenschürze eines Dirndlkleides ging, das ich zu kaufen erwägte, musste ich eine empörten Zurechtweisung einer Verkäuferin über mich ergehen lassen.
Im Café Fürst, der Urzelle der echten echten Mozartkugel, verwies man bisweilen geistig beeinträchtige Kundschaft des Hauses, um das „anständige“ Klientel nicht zu irritieren, wie eine Mitarbeiterin der Salzburger Lebenshilfe mir unter wilder Gestikulation und mit Tränen der Entrüstung in den Augen zu Protokoll gibt.
Und ich vermute, selbst der hier heißgeliebten Ana Nebtrebko würde der Tisch im Hotel Sacher verwehrt, käme sie in  Radlerhosen auf einen Verlängerten vorbei.

Ja, Salzburg ist eben eine Diva, die sich ziert, sich gerne bitten lässt – aber auch viel zu geben hat. Und wer einmal an eine ihrer gönnerhaften Launen erwischt, an einem Frühsommermorgen ein Stück Sachertorte mit Schlag auf der Terrasse des Bazars genießt oder an einem Spätsommernachmittag mit Freunden einen Radler am Salzachufer, der wird sich aller kritischen Betrachtung zum Trotz ihrem Charme kaum erwehren können.

Sei es nur bis zum nächsten Regenguss.
Und was soll´s – dann ist das typische Salzburger Sauertopfgesicht immerhin meteorologisch legitimiert und man hat noch dazu Stoff für Smalltalk mit Spießern, Senioren, Straßenmusikern und dem übrigen Sammelsurium an Salzbürgern, die gelernt haben, ihre Stadt trotz, ja vielleicht gerade wegen ihres Größenwahns und ihrer Hochnäsigkeit zu schätzen.

Denn: Wer viel auf sich hält, hat oft auch ein wenig Grund dazu.

Julia ist 18 Jahre alt, kommt aus Salzburg und das ist ihr Bewerbungstext für die Sommerakademie.