Archiv-Kategorie ‘Stadtgeschichten’

10 Minuten-Skaterstory

credits by namelus / zakir sulema

Shredding the Halfpipe
Über Skater-Ästhetik und das (zweite) Leben als Skater. Und das in nur 10 Minuten.

In Köln ist es heiß. Seit Anfang dieser Woche blieb jeder Tag über 30 Grad. Die Kölner bleiben aber nicht zuhause. In der Schilderstraße reißt der Fluss an Passanten und Touristen nicht ab.Ich bin auf der Suche nach individuellen Geschichten, die jeder Kölner von sich zu erzählen hat. Geschichten, die vielleicht noch kein anderer zu hören bekam. Unter einer Million Einwohnern suche ich eine Geschichte.

Die Schilderstraße ist der falsche Ort um so eine Suche zu starten, hier hat keiner die Zeit 10 Minuten zu reden. Also fahre ich los zum Rheinufer, wo ich mehr Menschen erwarte, die Zeit haben zu reden.

Am Rheinufer sieht es entspannter aus, auf den Asphaltwegen entlang des Rheins treffe ich aber nur auf wenige Menschen. Zuerst auf Moritz. Er sonnt sich und macht Mittagspause. Jetzt in den Sommerferien promotet er Sportevents. In der Hosentasche hat er ein rein gedrücktes Handtuch. Als ich ihn darauf anspreche, beginnt er ganz fasziniert vom Marathonlaufen zu erzählen. 42 Kilometer seien doch anstrengend. „Nein“, sagt er „da muss man nämlich einfach nur durchbeißen“. Sein Durchhaltevermögen, das kommt ihm auch als Student zugute. Dass Moritz Sportmanagement studiert, war eigentlich schlüssig. Als Ausgleich zu langen Partynächten mit anderen Uni-Kollegen, geht er jeden Tag eine Stunde laufen. Konsequent, manchmal auch länger. Wenn es so heiß ist wie heute, ist Moritz nicht so streng mit sich. Da reichen dann auch 40 Minuten Laufen. Nach 10 Minuten Reden muss Moritz aber wieder los.

Eine persönliche Geschichte habe ich aus Moritz nicht raus kitzeln können. In der Sonne zu sitzen war keine schlaue Idee. Die nächste Kölnerin oder den nächsten Kölner will ich im Schatten treffen.

Am Rheinufer sehe ich keine 10 Menschen, nur der neue Skaterplatz entlang des Rheins sieht lebendig aus. Noch vor Kurzem war die Domplatte der Platz für alle Skater. Jetzt gibt es aber am Rheinufer einen neuen Skateplatz. Und hier spreche ich einen Jungen an, der gerade auf seinem Skateboard Tricks probiert. Diesmal setzen wir uns in den Schatten. In den nächsten 10 Minuten will ich die Geschichte von Jan erfahren. Er ist 18 Jahre alt und Skater. Read the rest of this entry »

Veronika – dat Kölsch ist da

© Raimond Spekking / CC-BY-SA-3.0 (via Wikimedia Commons)

Köln – der Dom – das Rheinufer.
Die Universität – die Bibliothek und sengende Sommerhitze.

Jeder sehnt sich nach Erfrischung…Aber dass sie so schnell kommen würde, damit hat Veronika nicht gerechnet.

Gerade noch liest die Studentin in ihren überdimensionalen Germanistikbüchern – von Augustinus bis Goethe, von Schiller bis Lenz, von Nietzsche bis Kant – als aus heiterem Himmel die Zimmerdecke einstürzt und ein riesiger Schwall Wasser unaufhaltsam aus dem oberen Stockwerk die Bib überflutet. Veronika und ihre Mitstudenten wundern sich noch ordentlich über den häuslichen Wolkenbruch, als die kleine Bibliothekarin mit den dünnen weißen Haaren und den weiten Kleidern schon aufgebracht hinter ihrem Schreibtisch hervorstürmt und lauthals beginnt auf die herabfallenden Wassermassen zu schimpfen;
während die armen, unschuldigen Bücher Poseidons Armen überlassen werden.
Nach 10 Minuten, voller hysterischem Geschrei und hilflosem Lachen, treffen netterweise die dafür verantwortlichen Bauarbeiter ein, stets darauf bedacht, nicht zu schnell zu arbeiten.Nach weiteren fünf Minuten Überlegungen stellen sie einen Eimer in Liliputanergröße unter das wesentlich größere Loch. Mit dem Erfolg, dass jetzt nicht nur die gesamte Bib nass ist, sondern auch der Eimer ein paar nicht nennenswerte Wasserstrahlen auffängt.
Fehlte nur noch ein Plakat mit der Aufschrift: Willkommen an der Uni Köln! Read the rest of this entry »

Geliebtes Köln,

By ger1axg (Own work) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)], via Wikimedia Commonswir beide führen jetzt eine schon fast 17 ½ Jahre lange Beziehung und obwohl
eigentlich kein Grund dafür vorhanden ist, möchte ich dir mit diesem Brief meine Gefühle
mitteilen. Meiner Meinung nach braucht man in einer gut laufenden Partnerschaft gar
keinen besonderen Anlass um den anderen zu zeigen, was man für ihn empfindet. Und ja,
ich finde, dass es zwischen uns nach wie vor gut läuft. Natürlich haben wir unsere Höhen
und Tiefen, doch die sind vollkommen normal. Alle anderen haben die ja auch, stimmt’s?
Es besteht gar kein Grund sich im Internet nach anderen Städten umzusehen. Oder gar
von weit entfernten, ruhigen Dörfern zu träumen. Das freundliche Lächeln von Düsseldorf
letzte Woche hat auch überhaupt keinen Eindruck auf mich gemacht.

Ach, und keine Sorge. Ich erwarte von dir nicht, dass du mir auf ähnliche Weise
deine Gefühle offen darlegst. Mir ist klar, dass das einfach nicht deine Art ist. Du bist so
stolz, so voller Energie und Leben, dass dir gar keine Zeit für solche Dinge bliebt. Das ist
in Ordnung so, denn deswegen habe ich mich ja auch in dich verliebt. Ich schätze deine
eiserne Härte und deine Kraft, denn diese gibt mir das Gefühl beschützt zu werden. Auch,
wenn du nicht so gut darin bist es mir zu zeigen, weiß ich immer, dass du für mich da bist.
Manchmal fühle ich mich zwar von dir bedrängt, doch dafür kannst du ja nichts. Read the rest of this entry »

(M)eine Stadt

By Roy Niekerk (Own work) [CC-BY-SA-2.5 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5)], via Wikimedia CommonsSommer. Das Flugzeug kreist über dem südchinesischen Meer. Langsam bekommt man einen Blick auf die Stadt. Das Wasser ist stechend blau. Bilderbuchblau. Blau ist es hier immer, am Tag hellblau, in der Nacht dunkelblau. Grau ist es nur, wenn es so sehr stürmt, dass man das Haus nicht verlassen sollte.
Das Flugzeug landet sachte auf der Landebahn, die bis in das Wasser reicht.
Es ist brennend heiß. So heiß, dass man denkt, der Asphalt würde einem unter den Füßen wegschmelzen. So heiß, dass die Köpfe der hektisch herumrennenden Gestalten glühen. So heiß, dass man eigentlich nicht hinausgehen möchte.
Drinnen ist es eiskalt. Kalt wie im Winter, man möchte eigentlich seine Winterkleidung aus dem Koffer kramen. Blöd, ich habe keine Jacke dabei.
Der Flughafen ist überfüllt und vollgestopft. Vollgestopft mit Menschen, die herumschlendern, auf der Suche nach Freunden, Verwandten, einem bestimmten Laden. Nach stundenlangem Suchen finde ich meinen Koffer. Endlich raus hier, noch denke ich, dass sich die Menschenmengen class=”alignleft”draußen verlieren würden.
Raus in die Freiheit. Es ist wieder unangenehm heiß. Schnell zum Auto laufen, dort ist es wieder angenehm kühl. Ich darf vorn sitzen, also laufe ich auf die rechte Seite des Autos. Doch hier fährt man auf der linken Seite der Straße, also sitzt der Beifahrer links, nicht rechts. Anders.
Alles hier ist so anders.
Endlich fährt das Auto weg vom Flughafen auf die Straße. Nicht nur der Flughafen war überfüllt, auch auf der Straße fahren die Autos dichtgedrängt aneinander. Es ist so brechend voll, dass ich den Überblick verliere.
Sommer. Hitze. 30 Grad, manchmal sogar 40 Grad heiß. Ich bin auf der Suche nach Antworten. Antworten auf Fragen, die ich noch nicht gestellt habe, geschweige denn, dass sie mir bekannt wären.
Das Auto wird wieder langsamer. Ich werfe einen Blick hinaus auf die dicht besiedelten Straßen. Menschen schlurfen in schnellen Schritten über die Straßen, fast schon hektisch. Links von mir spielen Kinder an ihren Handys, rechts von mir sitzen alte Damen, die die Szene beobachten, genauso wie ich, nur ist es für sie grauer Alltag geworden. Neben ihnen sitzen ihre ebenso alten Ehegatten. Sie spielen Mahjong oder lesen in ihrer Zeitung, immer darauf bedacht, nicht zu sehr aufzufallen.
Die Restaurants sind zu dieser Zeit voll besetzt. Kaum einer sitzt um diese Uhrzeit zuhause, die Küchen sind zu klein zum Kochen, die Wohnungen zu klein um die Familie einzuladen. Alle sitzen sie an runden Tischen. Man lacht, tauscht sich aus.
Sommer. Alles ist mir fremd. Das soll also meine Stadt werden. Read the rest of this entry »

Warum tust du dir das an?

 

Hauptbahnhof-Kirchentagsbesucher-2-

Menschen. Überall Menschen. Und sie versperren mir auch noch den Weg. Genervt steige ich aus dem Zug. Schon wieder nicht geschafft als eine der Ersten raus zukommen, so wäre ich dem Gedränge auf der Treppe entgangen. Mit dem schweren, mit Mohnblumen bemusterten Rucksack, der aus ästhetischen Gründen trotzdem nur auf einer Schulter getragen wird, schleppe ich mich die Stufen hoch. Endlich oben. Menschen hasten an mir vorbei, rufen sich irgendwelche Sachen zu und rempeln sich an. Ich schlage mich zu „Le Crobag” durch und will mir eine Laugenbrezel kaufen. Frauen mit Rollkoffern versuchen sich vorzudrängen, was ich jedoch nicht zulasse. Die Verkäuferin kann mir dieses eine Mal nicht falsch rausgeben, das Geld hab ich passend.

So nehme ich den Hamburger Hauptbahnhof morgens um halb 8, auf dem Weg zur Schule, wahr. Vom Hauptbahnhof geht es weiter zur U 3 bis nach Mundsburg.

Die U-Bahn ist immer um diese Uhrzeit überfüllt, doch ich schaffe es noch mir einen Sitzplatz zu ergattern. Ein wenig tut mir die alte Frau die jetzt stehen muss leid, doch der Mann neben mir kann ja auch aufstehen, finde ich. Endlich, 7 Minuten später, die sich anfühlten wie eine halbe Stunde, stehe ich im U-Bahnhof Mundsburg, sehe schon viele Leute aus meiner Schule.

Wie können
Kaum bin ich aus dem Bahnhof raus, sehe ich auch schon die vielleicht 50 m entfernte Ampel von grün auf rot springen.die so gut gelaunt sein morgens?

Rennen oder nicht rennen?
Während ich noch überlege, fahren schon die ersten Autos. Nicht rennen.

Also stehe ich geduldig an der Ampel und warte. Und warte. Und warte. Bis sie endlich wieder in einem wunderschönen Grün erstrahlt.
Dann durch den Mundsburgcenter, links abbiegen, rechts abbiegen – Tadaaaa, meine Schule!

Das ist der Teil den ich von Hamburg kenne. Hin und wieder war ich mal in der Stadt und bin ein wenig herumgeirrt, aber diese Strecke kenne ich wirklich.

Ich bin in Düsseldorf geboren , ein paar  Jahre dort aufgewachsen, dann wohnte ich in einem Dorf nahe Nürnberg und nun in Lübeck.
Lübeck ist klein und gemütlich. Hier gibt es keine U-Bahn, hier ist nicht so ein Stress und irgendwie ist es ruhiger.
In Hamburg nerven  mich  manchmal die vielen Leute um mich herum, die weiten Wege oder dass man sich so leicht verirren kann.

Trotzdem mag ich Hamburg lieber. Diese Stadt ist  groß, hell, offen, vielfältig und beeindruckend.

Wenn ich nicht regelmäßig in Hamburg wäre, würde ich wirklich was vermissen.
Das merke ich besonders jetzt, wo ich krank bin und das Bett in Lübeck hüten muss.

Ich habe nichts womit ich meine abendliche Grummeligkeit
(„Ich bin heute mit einem überfüllten Zug nach Hamburg gefahren und dort durch die Gegend gerannt, das war total anstrengend!”)
oder meinen chronischen Geldmangel
(„Mamaaa, ich brauch Geld. Ja, aber..Weil…Die Verkäuferin bei KFC im Hamburger Hauptbahnhof gibt das Wechselgeld immer falsch raus, dafür kann ich doch nichts! Krieg ich jetzt das Geld?”)
begründen könnte  oder wovon ich schwärmen könnte
(„Im Zug war heute wieder dieser eine Mensch, der ist totaaal hübsch. Ja, okay, er hat ne Freundin…Aber das ist doch egal. So zum Anhimmeln geht’s doch. Aber das ist trotzdem gemein von ihm. Sie einfach so auf dem Bahnsteig vor MEINEN Augen zu küssen. Ich geh jetzt Frustessen. Mäh.”).
Zudem ist Hamburg sehr groß.
Ich würde gerne wenn ich mal erwachsen bin dort wohnen und arbeiten. Dann könnte ich täglich mit der U-Bahn  zum Arbeitsplatz fahren und wenn ich Pause mache irgendwo schnell was zu Essen holen um dann weiterzuarbeiten und hin und wieder aus dem Fenster auf die Alster schauen. Wenn ich dann Feierabend habe, fahr ich noch schnell einkaufen, und dann nachhause. Und mein zuhause wäre eine schöne Wohnung, in einem dreistöckigem Haus mit netten Nachbarn.

Aber jetzt ist es noch nicht so weit.
Noch pendle ich.

Von meinen Klassenkameraden  höre ich daher häufig die Frage „Warum tust du dir das an?”.

Ja, warum tu ich mir eigentlich an?
Um 5 Uhr morgens aufstehen, zum Zug hetzen, 45 Minuten fahren und bis ich an der Schule bin dauert es nochmal 15 Minuten. Ein paar Stunden dort ausharren und dann geht es auf dem selben Weg wieder zurück.
Diese Frage beantworte ich häufig mit einem Schulterzucken und „Ich mag Hamburg nun mal.”
Darauf folgt dann „Ich könnte das nie!”.
Hm. Ich schon. Es lohnt sich.

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Malva ist 16 Jahre alt, lebt in Lübeck und das ist sein Bewerbungstext für die Sommerakademie.

Ein einziger Tag

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Ein einziger Tag kann ein ganzes Leben verändern.

Bei Monty war es ein Tag vor acht Jahren. Der Tag an dem er mit seiner ersten großen Liebe in Würzburg unterwegs war, die beiden waren seit vier Jahren zusammen. Ein anderer Mann belästigte seine Freundin, Monty griff ihn an. Anfangs war es nur ein Handgemenge, dann zog der Mann ein Messer, Monty nahm seine Flasche und prügelte auf ihn ein.

Nun ist der Mann halb gelähmt. Monty kam für sieben Jahre ins Gefängnis, wegen versuchtem Totschlag.

Seitdem ist nichts mehr wie es war.

 

Monty ist ein 28-jähriger Mann. Er ist kräftig gebaut und hat viele Tattoos auf seinem Arm, die alle eine kleine Geschichte erzählen. Sein Gesicht sieht verbraucht aus.

Ich traf ihn auf der Straße und fragte ihn, ob er mir seine Lebensgeschichte erzählen könne.

Er willigte ein und begann mit seiner Schulzeit. Er war mal auf dem Gymnasium, hatte einen Schnitt von 1,9. Doch Latein machte ihm schwer zu schaffen und so kam er auf die Realschule. Dort wurde jedoch seit vier Jahren Englisch unterrichtet, was er zuvor nicht hatte. Er konnte keine vier Jahre in einem nachholen und landete auf der Hauptschule. Nun hat er einen Hauptschulabschluss.

Seit einem Jahr ist er aus dem Gefängnis entlassen und lebt auf der Straße. Zwar steht er auf einer Warteliste für Wohnungen, doch in Köln gibt es zu wenige. Noch dazu ist er arbeitslos.

Bei seinen Eltern kann er nicht wohnen, weil sein Vater nichts mehr von ihm wissen will. Doch seine Mutter hält zu ihm und hatte ihm z.B. Geld ins Gefängnis geschickt. Nur wohnen kann er dort nicht, höchstens für ein paar Nächte. Allein schon wegen seinem kleinen Bruder.

Monty hat eigentlich keine Perspektive.

Er wünscht sich eine Wohnung und eine Arbeit, dann wäre er schon zufrieden.

Vielleicht erfüllen sich eines Tages zumindest diese beiden Wünsche und er kann wieder ein halbwegs normales Leben führen.

Sein größter Wunsch wird aber nie in Erfüllung gehen – Die Zeit zurück zu diesem Tag zu drehen ist unmöglich.

Fantastisches Köln

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Feuerbälle wirbeln durch die Luft, wie von nichts gesteuert. Alles um sie herum verschwindet, wird zu einem Schleier aus Gesichtern und Lichtern, während das Feuer sich durch die dunkle Nacht schlängelt.

Und schließlich eine Fontäne, die aussieht als wäre sie aus flüssigem Feuer.

Das kleine Publikum Uhht und Ahht vor Erstaunen, aber der Feuerspucker gibt sich nicht damit zu Frieden. Er macht es noch einmal, immer und immer wieder.

Schließlich geht ihm die Puste aus. Ihm ist warm, wenn nicht sogar heiß. Die Menschen klatschen. Es sind so viele, so viele, wie schon lange nicht mehr. Es ist Donnerstag Abend, der kleine Freitag, wie er auch genannt wird, und das Wetter ist schön. Das zieht die Leute auf die Straßen.

Er sieht unter ihnen viele ältere Menschen, die ihn mit diesem netten, begeisterten Strahlen im Gesicht ansehen, junge Menschen, die sich über ein Bier hinweg mit ihren Freunden unterhalten und ihm hin und wieder einen Blick zu werfen.

Er sieht auch eine Gruppe von Mädchen, acht, neun, zehn sind es und ein Junge. Sie sehen ihn an. Reden über ihn. Er würde so gerne wissen wollen, was sie sagen.

Man denkt immer, dass die Nervosität sich legt mit der Zeit, was sie vielleicht auch ein bisschen tut. Aber er will trotzdem wissen, was sie über ihn sagen.

Es interessiert ihn einfach.

Er packt seine Sachen zusammen, löscht das Feuer und macht sich auf den Weg.

Vor ihm ragt der Dom hoch hinaus. Von weitem sieht er in dem künstlichen Licht fast blau aus.

Der Feuerspucker wird sich nie an ihm sattsehen können.

Als er an dem alten Gemäuer vorbei läuft, geht er ein wenig näher heran.

Die alten Statuen wirken fast lebendig in der Stille.

„Hat du Mörchen?“, fragt eine unheimliche Stimme, woraufhin der Feuerspucker erschrickt.

„Was zum..“

Etwas kichert hoch. Doch er kann nicht sehen was. Er dreht sich mehrmals um doch da ist niemand, weit und breit.

„Wen such´ste denn?“

„Wo bist du?“

„Wer hat denn gesagt dat ich hier bin?“, er hört wieder ein schallendes Lachen. „Spass beiseite, Freundchen, wo haste denn dein Feuerzeug gelassen, hä?“

Der Feuerspucker ist kurz davor zu gehen, bis er schließlich einen Schatten am Domgemäuer sieht. Er folgt ihm mit seinen Augen, doch da ist nichts.

Er ist kurz davor zu gehen. Bestimmt ist das nur ein Betrunkener, der nicht mehr weiß, was er sagt oder ein schlechter Scherz.

Aber der Feuerspucker hält noch einen kurzen Moment inne, als die Stimme sagt:

„He warte doch mal! Ich hab mich noch gar nich vorgestellt, ich bin der Domgeist!“

Einmal Gulasch in die Karibik, bitte!

Peoplewatching in Köln am Neumarkt. Trotz der schwülen Nachmittagshitze eilen hier Vertreter aller Erdteile umher. Eine wahre Fundgrube außergewöhnlicher Lebensgeschichten. Doch der Afrikaner im bunt gemusterten Einteiler muss mit dem Motorrad eilig zur Arbeit. Der Gang der beiden jugendlichen Afroamerikaner ist viel zu lässig, um für eine neugierige Begegnung zum Stehen zu kommen. Und der Inder mit dem türkisenen Turban kümmert sich lieber um den Laden und die frisch angereiste Verwandtschaft, als Fragen zu beantworten.

Der weiße Mann in den Mittfünfzigern, der unruhig vor einer Gulasch-Bar herumsteht, ist vergleichsweise unscheinbar. Mit der hohen, kritisch gerunzelten Stirn hat er vielleicht noch einen gewissen Aspekt von Jack Nicholson in schlankeren Zeiten. Ansonsten eher ein Bürger der langweiligeren Sorte Kölns, könnte man meinen.

Dabei ist Peter gar nicht aus Köln. Und Pallavi, die hübsche indische Frau, die plötzlich an seiner Seite auftaucht, erst recht nicht. Köln ist nur einer von vielen Schauplätzen in ihrem Leben. Was sie an einem feuchtwarmen Juli-Nachmittag vor einer Kölner Gulasch-Bar zusammenführt, ist mehr eine Frage wert, als der erste Anschein erahnen lässt. Die Antwort offenbart eine Lebensreise, die nicht einmal im vielfältigsten Kölner Stadtviertel gewöhnlich erscheint.

Eine Reportage von Elena Ziegler Ruiz

Zu Peters Bedauern findet Pallavi als Vegetarierin die Puszta Hütte weniger berauschend.
Copyright: Elena Ziegler Ruiz

Kennen gelernt haben sich Peter und Pallavi in Bonn. Peter war damals 23 Jahre alt, Pallavi vier Jahre älter und Peter fand sie schon damals eine „umwerfend schöne Frau“. Doch sie war mit seinem guten Arbeitsfreund Lali verheiratet, daher verbot er sich jeglichen engeren Konakt zu ihr.
Geboren ist Pallavi eigentlich in Bombay, heutiges Mumbai, blieb aber nie in ihrem Leben lang an einem Ort. Ihr Vater wurde als hochrangiger Diplomat von Krisenherd zu Krisenherd geschickt und sie zog mit ihm. „13 different schools in eleven years!“, zählt sie. Das Lächeln auf ihrem Gesicht ist nur halbtraurig. Auch wenn ein ständiger Neuanfang schwer war, liebte sie das Reisen, und ganz besondere den Fensterausblick auf den Himalaya, den sie in Nepal damals genoss. Deli dagegen wurde zu dem Ort, an dem sie Interior Design studierte.

Auch ihren späteren Ehemann Lali lernt sie in Deli im College kennen. Für seine Arbeit als Kameramann wird Lali später nach Bombay versetzt. Das junge Ehepaar hat jedoch nur wenig Geld und muss heimlich, im Unwissen von Familie und Freunden, beim Bruder Pallavis in einer kleinen Stadt nahe Bombays unterkommen. Als Lali seinen Job verliert, kehren sie nach Deli zurück, wo sie teilweise auf der Straße leben müssen. Dann bekommt Lali ein Praktikum in Belgien in einer großen Filmproduktions-Firma und das Ehepaar zieht gemeinsam nach Europa. Ihr kleiner Sohn wird bei Pallavis Vater untergebracht, der sich zur letzten beruflichen Station in Bonn eingefunden hat. Er ist es, der Lali einen Job in der Bonner Großkopieranstalt besorgt, in der auch Peter damals arbeitet.

Auch Peter ist dort nur über Zufälle und Umwege beschäftigt. Seine Mechaniker-Lehre hat er eigentlich in Leverkusen gemacht. In dieser Zeit lernt er in der Berufsschule Hans kennen. Als Hans Vater für seinen Beruf als Mayor nach Bonn versetzt wird, hat der Sohn keine Lust, alleine in eine neue Stadt zu ziehen und überredet Peter, mitzukommen. Die beiden teilen sich in Bonn eine WG und Peter findet eine Arbeitsstelle an der Bonner Großkopieanstalt. In seinem indischen Arbeitskollegen Lali findet er einen guten Freund – Pallavi ist zu diesem Zeitpunkt für Peter absolutes „No-Go“.

1974 bekommen Pallavi und ihr Mann nach zwei Jahren in Deutschland Probleme mit der Aufenthaltsgenehmigung. Sie müssen wieder weiterziehen, dieses Mal nach Toronto, Kanada.
„Der Kontakt ging verloren“, sagt Peter trocken, erntet dafür aber sofort Einspruch von Pallavi, die ihn an die Briefe erinnert, die sie geschickt hat: „jede Christmas!“
In Kanada ist Lali erneut arbeitslos, ebenso wie Pallavis Bruder, der aus Indien zu ihnen zieht. Aus der Not heraus gründen beide Männer einen Versandhandel. Pallavi geht in Toronto ein zweites Mal zur Uni und studiert Programming and Analysis. In der Start-up-Firma ihres Mannes installiert sie die Software und übernimmt den Chefplatz des Bruders, als dieser nach Kalifornien weiterzieht.

Erst vor vier Jahren wird Peter wieder präsenter in ihrem Leben. Lali ist zu diesem Zeitpunkt schon sieben Jahre tot. Von einem gemeinsamen Freund aus „Bonn-Zeiten“ lässt Peter sich Pallavis E-Mail-Addresse geben. Über das Internet halten beide schon bald engen Mail-Kontakt. Noch im selben Jahr besucht Pallavi ihn zum ersten Mal in Wuppertal, wo Peter hingezogen ist, um in seinem Leben doch noch Soziologie zu studieren. „Es hat ihm sehr Spaß gemacht“, sagt Pallavi mit jenem immergleichen Lächeln, halb bedauernd, halb amüsiert. Als habe sie sich abgefunden mit dem Leben und seinen seltsamen Versäumnissen. Denn aus Geldmangel musste Peter das Studium kurz vor der Diplomarbeit abbrechen, um Vollzeit als LKW-Fahrer zu arbeiten. Er war dennoch zufrieden mit dem Job: „Es war eine kleine Firma, es gab ein gutes Arbeitsklima und ich hatte ja Schulden.“
Pallavi besucht ihn in den Folgejahren regelmäßig, letzten Winter reißt Peter zum ersten Mal zu ihr nach Toronto und lernt ihre Familie kennen.

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3,50€ für eine kleine 250g-Dose Gulasch – bestes Souvenir aus Köln?
Copyright: Elena Ziegler Ruiz

An diesem schwülen Sommernachmittag hat wieder Pallavi die lange Reise auf sich genommen, um ihren Lebensgefährten zu besuchen. Den Abstecher über Köln hat sie nur für einen Trostbesuch bei Freunden im Scheidungsprozess unternommen. Peter hat sich vor der unangenehmen Angelegenheit lieber gedrückt, aber der Trip nach Köln kam ihm mehr als Recht. Mit seinem Jugendfreund Hans war er früher jedes zweite Wochenende zum Feiern in der Stadt: „Entweder in Düsseldorf oder Köln“, erzählt er lachend. „Je nach dem, wo die Leute besser bekleidet waren!“

Nicht aus Zufall steht er außerdem vor der Gulasch Bar – da ist er überzeugter Stammkunde: „Die Puszta-Hütte kennt jeder in Köln!“, schwört er. „Die gibt’s seit 63 Jahren!“
„62“, wendet Pallavi weise lächelnd ein.
„65“, wird später der Kellner korrigieren, wenn beide schon längst zwischen den vielfältigen Gestalten des Kölner Neumarkts verschwunden sind. Nicht nur ihre fast schon kunstvoll verworrene Lebensgeschichte, sondern einfach alles in diesem Viertel scheint eigenartig weltoffen. Sogar die Puszta-Hütte exportiert ihren Gulasch bis in die Karibik. Und wenn Peter in dieser Umgebung erklärt, er könne noch nichts über ihre gemeinsame Lebensplanung sagen – „außer, dass wir zusammenbleiben“ klingt das in seiner ernsten Jack-Nicholson-Art auch gar nicht kitschig.

StuttgART in SZENE

Irgendetwas tickt da unter Stuttgarts tüchtiger „Häuslesbauer“-Haut immer lauter, und es hat  bestimmt nichts mit Stuttgart 21 zu tun. Der Bürger wird hellhörig – und es gibt kaum einen, der noch nie von den Wagenhallen gehört hat. Doch welch ungeheures Stadtmärchen sich nur zwei Haltestellen von seinem heißdiskutierten Hauptbahnhof entfernt abgespielt hat, fällt ihm nicht einmal in seinen kühnsten Träumen ein.

Eine Reportage von Elena Ziegler Ruiz

Copyright: Elena Ziegler Ruiz

Zehn Jahre ist es her, dass der selbstständige Unternehmensberater Thorsten Gutbrod gemeinsam mit seinem Partner Stefan Mellmann den „Kulturbetrieb Wagenhallen“ übernahm: Eine Gruppe Künstler hatte sich damals in den Kopf gesetzt, in den eigentlich zum Abriss bestimmten Nordbahnhof der Stadt einzuziehen. „Die ersten drei Jahre waren Mord und Totschlag“, sagt er grinsend. Das ganze Gelände befand sich in halb abgerissenem Zustand, Betonpforten versperrten den Hof, und die Künstler weigerten sich ihre Mieten zu zahlen. Erst als sie feststellten, dass der Großteil von ihnen unter dem Sternzeichen Fisch geboren war, packte sie der Ehrgeiz und das graue Brachland inmitten von verwildertem Grün verwandelte sich in eine innerstädtische Oase mit Beachvolleyballfeld und Swimmingpool. Besucher verirrten sich höchstens durch Zufall in die Hallen und „raus“ habe er überhaupt nicht mehr gewollt, behauptet Gutbrod. Seine Gründe bringt er sogleich auf den Punkt: „Wer hat schon mitten in ´ner Stadt ein paar Hektar für sich?“
Wer ihn sieht, mit wilder schwarzer Haarmähne und schalkhaftem Grinsen, glaubt ihm aufs Wort, wenn er behauptet: „Ich bin schon mutiert hier, in den vielen Jahren.“

Heutzutage sind Pool und Volleyballfeld einer Berufsschule gewichen und viele Künstler des alten Kerns touren inzwischen durch Deutschland. Auch der Kulturbetrieb hat sich gewandelt. Durch Eventmanagement für große, ortsansässige Firmen finanziert er ein vielfältiges Programm aus Ausstellungen, Konzerten und Partys und hat sich sogar international einen Namen gemacht. Dass der ganze Betrieb ursprünglich nur als Zwischennutzung konzepiert war, hat seinen Erfolg laut Gutbrod nur katalysiert: „So gibst du ohne Überlegen Vollgas, einfach Vollgas.“

Inzwischen sind die Künstler nicht mehr aus den Wagenhallen wegzudenken. Über 20 Firmen aus allen erdenklichen Kunstzweigen von Architektur, über Film, Musik und Grafik bis hin zur klassischen Malerei und Zeichnung haben sich in den Hallen etabliert. Somit läuft dort auch ein breit gefächertes Netzwerk zusammen, das neue Kooperationen begünstigt. Die noch dazu niedrigen Mietkosten machen den Arbeitsplatz perfekt. Im unmittelbaren, brachliegenden Umfeld findet Bildhauer Thomas Putze die benötigte innere Ruhe, um mit Flex und Motorsäge seinen Holzskulpturen die eigene Persönlichkeit einzuhauchen. Der Status Subkulturstätte, der den Wagenhallen immer noch anhaftet, sei für ihn mittlerweile aber inszeniert – Stuttgarts wahre Subkultur spiele sich in schmutzigen Probekellern ab, im blinden Winkel des Presseauges. Auch wenn es nicht so scheine – „Das ist hier schon die Stadt des Understatements!“, postuliert er.

Dass man gleichzeitig in Stuttgart weniger verstreut sei als in Berlin, gebe dem Ganzen eine eigene Schönheit. Denn das Netzwerk an Subkulturen unterspanne Stuttgart wie jede Großstadt, aber nach wenigen Verknüpfungen schließen sich die Kreise wieder.
Das Problem sei nur, dass die Wagenhallen zu den letzten wenigen Ruheoasen in Stuttgart zählen, die sich dem Wahnsinn lückenloser Stadtplanung widersetzen und Subkulturen somit eine Chance geben, sich zu entfalten. „Diese Orte gibt es natürlich“, wirft der Künstler ein, nur brauche es Leute, die sie mit friedlich-kreativen Absichten besetzen und bespielen.

Solche Ideen finde man unter anderem in der Street Art wieder, die ihre Stuttgarter Basis im Graffiti-Shop „Thirdrail“ hat. Seit 2006 deckt dieser nicht nur den Materialbedarf der Szene, sondern verteilt auch Aufträge und organisiert Malaktionen. Thirdrail-Verkäufer Benny San schätzt Stuttgarts Graffiti-Szene als besonders gewaltlos und qualitativ hochwertig im Vergleich zu anderen Städten ein. Mit nur einer einzigen legalen Sprühwand, der Wall of Fame in Cannstatt, zeige sich aber auch an dieser Stelle akuter Mangel an Entfaltungsraum.

Ein Haus zu besetzten, davon träumen zwei neunzehnjährige Stuttgarter Street-Artisten, die schon seit der fünften Klasse gemeinsam in der Szene unterwegs sind, und die aus Anonymitätsgründen nur unter dem Pseudonym „ein Fisch und Doof“ genannt werden, schon lange. Aber trotz der Überzeugung, dass viele junge Subszenenprotagonisten nur darauf warten, sich einer Besetzung anzuschließen – den mutigen Anfang wagen sie bisher noch nicht. Zumindest erste Vorerfahrungen haben sie bereits gesammelt, als sie sich vergangenes Sylvester einer leerstehenden Fabrikhalle bemächtigten: Mit zehn Kästen Bier und einem befreundeten DJ luden sie zur Neujahrsfete ein – und wurden von 300 Gästen überrollt. „Ging ziemlich in die Hose“, geben sie zu, „aber an sich war´s schon cool.“ Wiederholen würden sie es auf jeden Fall, nur besser organisiert. Die Kasse würden sie sich kein zweites Mal stehlen lassen.

Auf offiziellem Wege hat der Kunststudent Erik Sturm und sein Team „Lotte“ einen Ort neu bespielt: Seit Mai 2012, nach monatelangem bürokratischem Kampf mit dem Land, sind sie Mieter von 40 Quadratmetern Freiraum, nur einen Katzensprung von Hauptbahnhof entfernt. Wenn keine künstlerische Ausstellung ihn besetzt, stellt ihr kleiner Raum sich durch seine großen Schaufenster selbst aus: Seine gähnende Leere, die rohen Verputzungsnähte an Decke und Wänden, den fleckigen Betonboden. „Wir haben versucht, ihn so leer wie möglich zu kriegen, aber ohne ihn schön zu machen“, erklärt Sturm. Ferner soll „Lotte“ im Sinne ihrer Begründer Studenten verschiedener Stuttgarter Hochschulen zum Dialog verbinden.

Die gerissensten Freiraumschützen der ganzen Stadt scheinen jedoch ganz klar immer noch Thorsten Gutbrod und Stefan Mellmann vom Kulturbetrieb der Wagenhallen zu sein. Nach dem Auszug der Stadtbibliothek haben sie im Jahr 2012 das Rennen um die Zwischennutzung des zentralstädtisch gelegenen Wilhelms Palais gewonnen. 2016 soll der königliche Wohnsitz Stätte des neuen Stadtmuseums werden, aber zumindest temporär haben die glücklichen Palastherren nach eigenen Worten „ein Haus eröffnet, wo sich alle treffen“: Vom Punker bis zum Banker findet jeder etwas im bunt gemischten Kulturprogramm, das Konzerte, Ausstellungen, Theateraufführungen und vieles mehr zu bieten hat.

Kann die neue Generation da überhaupt noch mithalten, wo man doch sagt, sie sei so faul und unmotiviert? „So´n Quatsch“, widerspricht Gutbrod zwinkernd. „Das hieß es bei mir doch auch!“ Die Jungs von der Street Art Szene sind jedenfalls bereit: „Es ist schon viel zu lange her, dass was passiert ist“, diagnostizieren sie mit geheimnisvollem Lächeln. Obacht Stuttgart! Es kann sich also nur um eine Zeitbombe handeln.

Elena Ziegler Ruiz ist 17 Jahre alt, lebt in Stuttgart und das ist ihr Bewerbungstext für die Sommerakademie.

Indischer Singhsang

Köln Ende Juli. Es ist brütend heiß. Auf der Suche nach genau den Lebengeschichten, die uns Menschen Tränensäcke und Lachfalten bescheren, begebe ich mich auf die Jagd nach einer Lebensbiographie. Meine Waffen: Notizbuch, Neugier und ein doppelter Espresso to go, der mir Mut zur Konfrontation geben soll.

Eine Reportage über Perücken, Papayas und einem Inder, der Luftstrom aus Nasenlöchern vorhersagen kann und sich selbst gefunden hat.

Buddha ist weiblich!
Bahar heißt seine feminine Reinkarnation, die zugleich Inhaberin eines Ladens für indische Lebensmittel und afroamerikanische Haarpflege nahe der Kölner Stadtbibliothek ist.
Bedächtig setzt sie Perücken auf Plastikschädel, die Handlung hat etwas Rituelles.
130 Kilo Körpermasse wölben sich in vielen Lagen blau bedruckter Seide zu prallen Wulsten.
Aufgrund ihres grau melierten Zopfes schätze ich sie auf Anfang sechzig. In ihren Regalen stapelt sich Henna-Haarfarbe und Mohnöl neben unidentifizierbarem Dosengemüse.
Ich schlendere zur Kasse, lege eine Haarspange in Bahars fleischige Hände. Zögere, fasse mir schließlich doch ein Herz und bitte sie, mir doch etwas von ihr zu erzählen.
Sie stockt. Mustert mich ein paar Sekunden.
Die Pigmentflecken auf ihrem Doppelkinn starren mich an.
Ich rechne mit einer abwehrenden Geste, da erhellt sich ihr Blick.
Ich scheine ein mir unbekanntes Prüfverfahren bestanden zu haben, sie reckt den Daumen nach links. „Nebenan ist besser! Sage Grüße von Bahar.“

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Hairliche Perücken!

Runde 2 für Indien

Die Glocke klingelt, ich wünsche einen guten Tag und grüße von Bahar.

Singh der Kassier, 38, kommt aus Punjab, Nordindien und erfüllt rein optisch alle Kriterien eines Yogagurus.
Turban, nougatbraune Haut, opalschwarze Augen im dichten Wimperkranz, das volle Programm.
Ein Ding der Unmöglichkeit, seine genauen Gesichtszüge hinter seinem Vollbart zu erahnen.
Trotzdem strahlt er eine tiefe Ruhe aus, wirkt geerdet und gleichzeitig unnahbar.
Ein Magier, aus einem orientalischen Märchen, der seit 14 Jahren Garam Masala, Mangolassi und Naan-Brot über die Ladentheke schiebt.
Und mir seine Geschichte erzählt:

Er ist seit 1989 in Köln, zwölf war er, als er nach Deutschland kam, samt seiner zwölfköpfigen Großfamilie.
„Mauerfall?“, frage ich geistesgegenwärtig, er verneint, damit hatte das nichts zu tun.
Seine Eltern wurden in Indien politisch verfolgt, auf Genaueres geht er nicht ein. Allerdings hätten wohl die innerpolitischen Probleme im damals frisch wiedervereinigten Deutschland das Asylverfahren begünstigt, das Land hatte zu dieser Zeit Besseres zu tun, meint er.
Ob es schwer für ihn gewesen sein, als Kind in einem fremden Land?
“Wer sich selbst kennt, ist überall zu Hause.“, antwortet er knapp.
„Außerdem hatte ich ja meine Familie.“ Er scheint nichts Genaueres auf das Thema zu dem Thema sagen zu wollen, denn noch weiß er nicht, ob mein Interesse nicht nur von professioneller Natur ist.
Was denn seine Familie jetzt mache, fahre ich fort, ihm die Worte aus dem Mund zu ziehen.
Singh reckt den Daumen nach rechts, Richtung des Afro-Hairstyle-Shops aus dem ich gerade komme.
„Bahar ist meine Mutter.“

Harmonie und Hühnerdaal

Hinter mir hat sich eine Schlange gebildet.

Eine Kundin unterbricht uns, bestellt auf Englisch 150 Portionen Daal für die Familienfeier am nächsten Sonntag, einen würzigen Linseneintopf. „Mit Spinat?“, fragt er. „Huhn“, erwidert sie und will wissen, ob seine Vorräte wohl auch dafür reichen.
„Of course“, antwortet er, sicherlich, er sei gestern mit dem Van beim Großhändler in London gewesen und das Lager aufgestockt. Er ist die ganze Nacht gefahren, hunderte Kilometer unter dem Atlantiktunnel zurück nach Köln.
„Sie werden müde sein.“
„Nein!“ Er lacht als wäre meine Vermutung eine Anmaßung. „Mein Geist ist immer wach.“
„Aber ihr Körper?“, entgegne ich keck.
Er lächelt verhalten. „Der Körper ist das Spielfeld des Geistes, der erhaben ist und gleichzeitig eine Einheit bildet. Nenn es Harmonie, wenn du willst.“
Zumindest im Optimalfall, denn momentan spüre ich, wie die schweißfeuchten Rucksackriemen sich ganz unharmonisch in meine stapazierten Schulterblätter schneiden.
Es sind 32 Grad, ich zerfließe zu Kokosmilch. Die Klimaanlage ist wohl defekt.
Singh schwitzt nicht. Wie macht er das?
„Yoga? Meditation?“, rate ich und lande damit einen Glückstreffer.
Jetzt kommt er erst richtig in Fahrt, erzählt von begrenzten Atemzügen, die so viele von uns jeden Tag so leichtfertig vergeuden, von den Augen als Sitz der Seele und des Teufels, der gleichzusetzen ist mit Emotionen, Begehren, Sehnsüchten und dem Ego.
Es wird kompliziert. Singh skizziert in groben Zügen einen menschlichen Oberkörper in mein Notizbuch.
„Rujo Sun“, steht da neben dem Kopf, er übersetzt es mit „ Angst, Hoffnung, Verlangen“, „Satogun“ mit „Toleranz, Zufriedenheit, Moral“, „Tamogun“ ist die letzte der drei – wie ich sie vereinfachend nenne – Gefühlskategorien, die einem jeden von uns innewohnen.
Nur einmal muss er sich mit einem Wörterbuch behelfen, die „Demut“ ist seinem Vokabular kurzfristig entfallen. Ansonsten ist er sehr bestimmt und erstaunlich eloquent in seiner Wortwahl.
Wunderliche Welten die sich mir eröffnen, sein Redeschwall überfordert mich beinahe, meine Notizen winden sich zu krakeligen Mustern. Seine Worte faszinieren mich, doch gleichzeitig brummt mir der Kopf.

Wir Westler aber auch!

Ich bemühe mich, die Informationsflut ein wenig zu drosseln, lenke seinen Monolog wieder auf weniger leidenschaftliche Bahnen.
Was er davon hält, dass wir „Westler“ Yoga als Fitnesstrend vermarkten?
Yoga sei kein Sport, den man zwanzig Minuten täglich hinter verschlossenen Gardinen betreibe. „Wahres“ Yoga fokussiere sich viel eher auf die geistige Dimension, körperliche Anstrengung sei nur eine „Begleiterscheinunung“. Er lächelt verschmitzt. Er selbst meditiere 24 Stunden, völlig egal wo. Die Versenkung, die Singh durch Meditation erfährt, sei für ihn eine Notwendigkeit, gebe seinem Geist Halt, Kraft und Gelassenheit.
Die alten Römer hätten ihn wohl als Stoiker bezeichnet, der Buddhismus hingegen lehrt, dass alles Leben Leiden ist und Gier Auslöser dessen unbedingt zu vermeiden ist.
Der Großteil der Inder sind Hindus, erinnere ich mich aus dem Ethikunterricht.
„Sind sie religiös?“ hake ich nach. Er reagiert mit einer heftigen Geste.
„Nein! Religion ist nichts anderes als eine Sammlung von Gesetzen, der Menschen trennt, zu Ausgrenzung führt und Krieg rechtfertigen soll. Seinen „Vater“ muss man in sich finden, im Seelenfrieden, im Atem, in der Meditation.“

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Blau blau blau sind alle seine Tüten..

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Die Nasenlochprobe

Singh fertigt den nächsten Schwall Kunden ab, packt Papayas und Datteln in blaue Plastiksäcke.
Als wir wieder etwas Ruhe haben, fordert er mich auf, den Zeigefinger unter meine Nase zu halten und mir zu sagen, ob aus dem linken oder rechten Loch mehr Atem ströme.

Ich bin unsicher, fast ein wenig nervös.
Absurderweise will ich Lehrmeister Singh auf keinen Fall enttäuschen.
Ich tippe auf rechts – und liege natürlich falsch.
Great.
Singh schüttelt mitleidig und ein wenig enttäuscht den Kopf.
„Neeeein, das kann nicht sein, du bist ein rationaler Mensch. Rechts, das sind die emotionalen. Fühle noch einmal.“
Klar, dass der Luftzug aus dem linken Nasenloch jetzt eindeutig stärker ist.
Kann man das Placebo-Effekt nennen?

Fest steht, dass Singh mir eine neue Welt eröffnet hat, und ich in der Tat bedauere, keinen seiner sonntäglichen Yoga-Kurse besuchen zu können, die er unentgeltlich veranstaltet und an denen auch Bahar regelmäßig teilnimmt.
 Zu gern hätte ich gesehen, wie seine Mutter in ihrer majestätischen Korpulenz die Kobra macht.
Oder den Sonnenbaum.
Ich verlasse den Laden mit einem Schmunzeln auf dem Gesicht, meinem leeren doppelten Espresso (von dem Singh abrät, denn er säuere die Substanz) und dem vagen Gefühl, einer tiefen Wahrheit ein Stück näher gekommen zu sein.