Oder: Wo Mozart sich im Grab umdreht
Was hinter all dem Getue und Geziere der Festspieldiva steckt und wie die Salzachschönheit den lieben langen Tag so mit ihren Salzbürgern, Touristen und Straßenmusikanten umspringt.
All das offenbart sich, wenn man einen ganz unprätentiösen Blick hinter die Fassade Salzburgs hinein in den Alltag wirft, der die einen zur Entrüstung treibt, die anderen zur Verzückung und die dritten, zu denen sich auch unsere Autorin zählt, zur ironisch-liebevollen Distanz zu dieser Stadt nötigt.
Salzburg ist SO SCHÖN. Grüne Ufer, das auf türkisblauen Wellen Walzer tanzende „Amadeus“-Schiffchen, das bei Touristen für Ekstase und bei Einheimischen für Augenrollen sorgt, die über barocken Kuppeln und gotischen Spitzen thronende Festung, Mozarts-Geburts- und andere Häuser in adretten Pastelltönen…
All das war gestern, da strahlte die Salzachschönheit noch, da geizte die Diva nicht mit ihren Reizen.
Doch die Dame ist launisch, über Nacht hat der Regen all den Prunk weg gewaschen wie bröckelnde Wimperntusche, zurück bleibe ich und die Sturmböen, die mir ins Gesicht schlagen während ich demotiviert den Giselakai entlang latsche.
Meine gute Stimmung schwimmt, versinkt, ertrinkt in den sich schlammgrau dem Untersberg entgegenwälzenden Wassern der Salzach, dem Fluss, der früher das weiße Gold auf den Salzschiffen von den Halleiner Salinen in die Stadt trug.
Den fetten Erzbischöfe bescherte das den schmackhaften Braten und die goldene Nase, die vermutlich wunderschön mit den gepuderten Perücken und den dekadenten Nerzmänteln harmonierten. Pelz trägt man übrigens heute noch gerne in „meiner Stadt“, bevorzugt mit Stöckelschuhen, Perlen und strengem Zug um die Mundwinkel.
Dieser Schnürlregen hat es mit seiner durch vier Jahreszeiten währenden Omnipräsenz sogar ins Online-Lexikon „Salzburgwiki“ geschafft:
„Der Salzburger Schnürlregen fällt aufgrund einer besonderen Windkonstellation in schrägen Schnüren vom Himmel, ist bald vorbei und hinterlässt die schöne Stadt wiederum rein gewaschen im herrlichsten Sonnenlicht“ Da war wohl ein Patriot am Werk, den sich in Schuhsolen saugenden und über die Leber rinnenden Nieselregen auf diese Weise schönzureden.
Etwas authentischere Stimmen beschreiben ihn weniger romantisch mit den Worten „Sauwetter, bleds“ (Martin, 17) oder „frustrierendes Geschütte, vor dem man als Spaziergängerin nur mit erhobenem Regenschirm kapitulieren kann“ (Clara, 21).
Tja. In Salzburg regen jährliche 1700 Sonnenstunden die Vitamin-D-Produktion an, in Phoenix, Arizona kommen sie auf 312 TAGE. Naja. Dafür essen wir hier mehr Gemüse.
Am besten erntefrisch vom Salzburger Grünmarkt, wo man auf den ersten Blick positiv überrascht von den Kilopreisen für Paradeiser und Erdäpfel ist, bis einen – oh Schreck - der Blitz der Erleuchtung trifft: Die Preise beziehen sich aufs Viertelkilo.
9 Euro für eine Schale Walderdbeeren? Immer!
Meine Stadt gehört mir nicht.
Sie gehört den Japanern, die wie beim Moorhuhnschießen einen Kirchturm nach dem anderen blitzen ihnen gehört auch der sich beim Anblick seiner rufschädigenden Replikate im Grab umdrehende Mozart: Mozart-Gummienten, -Parfum, -Schinken und Mozartkugel.
Pferdeschwemme? Von Wegen! Eher Italienerschwemme, vor allem um die Christkindlmarkt-Saison, ganz zu schweigen von den Amerikanerinnen mittleren Alters, die auf der verzweifelten Suche nach dem verklungenen „Sound of Music“ mit ihrer Leibesfülle die engen Gassen verstopfen und sie mit ihren schrillen Stimmen zur nervenstrapazierende Geräuschkulisse machen.
Meine Stadt ist Fassade, Bühnenbild, durch die aktuellen Milliardenspekulationen zur Skandalnudel avanciert.
Aber hübsch ist sie. Es lässt sich gut mit ihr angeben.
Und man kennt Töchterchen Salzburg, in allen Längen- und Breitengraden, selbst dort, wo man von Mama Österreich noch nichts gehört hat.
„Selbst diejenigen Franzosen, die mich als Österreicherin unwissentlich dem Land der Kängurus zugeordnet haben, wussten mit dem Namen „Salsbürsch“ etwas anzufangen“ erzählt die 18-jährige Anna, die ein Semester als Austauschschülerin in Südfrankreich verbracht hat.
„Selbst die Landeshaupstadt Wien haben sie nationalherrlich der Region „Rhône-Alpes“ zugeordnet, weil es dort nahe Lyon ein „Vienne“ gibt. Salzburg war dafür fast jedem ein Begriff.
Das ehrt einen dann doch, und sei man sonst die zynischste Kritikerin dieses überteuerten, prestigegeilen Provinznests“, lacht sie.
Salzburg gibt sich als Schmelztiegel der Kulturen aus, solange diese im weitesten Sinne dem Wortfeld Klassik, Volkstümliches oder Festspiele zuzuordnen ist.
Die Kunst der kleinen Leute kämpft in Salzburg mit Minderwertigkeitskomplexen.
Grafitti, Straßenmusik und Spontanaktionen werden hier eher geduldet als gefördert. Das mag unter anderem auch daran liegen, dass die ansässigen Bürger die in der Bevölkerungsentwicklung so gefürchtete Urnenform sehr repräsentiert.
Salzburg ist eine Seniorenstadt, als Jugendlicher ist man hier sowieso potentieller Terrorist.
„Erst vorletzte Woche hat man mich in einer teuren Confiserie aufgefordert, meine Handtasche vor Augen der Security zu öffnen, und das, obwohl ich zwei Schachteln Pralinen erstanden habe. Das kann nur an meinem Alter gelegen haben!“, beschwert sich die 16-jährige Noemi.
Auch als ich in meiner adoleszenten Neugier im Trachtengeschäft auf Tuchfühlung mit der Seidenschürze eines Dirndlkleides ging, das ich zu kaufen erwägte, musste ich eine empörten Zurechtweisung einer Verkäuferin über mich ergehen lassen.
Im Café Fürst, der Urzelle der echten echten Mozartkugel, verwies man bisweilen geistig beeinträchtige Kundschaft des Hauses, um das „anständige“ Klientel nicht zu irritieren, wie eine Mitarbeiterin der Salzburger Lebenshilfe mir unter wilder Gestikulation und mit Tränen der Entrüstung in den Augen zu Protokoll gibt.
Und ich vermute, selbst der hier heißgeliebten Ana Nebtrebko würde der Tisch im Hotel Sacher verwehrt, käme sie in Radlerhosen auf einen Verlängerten vorbei.
Ja, Salzburg ist eben eine Diva, die sich ziert, sich gerne bitten lässt – aber auch viel zu geben hat. Und wer einmal an eine ihrer gönnerhaften Launen erwischt, an einem Frühsommermorgen ein Stück Sachertorte mit Schlag auf der Terrasse des Bazars genießt oder an einem Spätsommernachmittag mit Freunden einen Radler am Salzachufer, der wird sich aller kritischen Betrachtung zum Trotz ihrem Charme kaum erwehren können.
Sei es nur bis zum nächsten Regenguss.
Und was soll´s – dann ist das typische Salzburger Sauertopfgesicht immerhin meteorologisch legitimiert und man hat noch dazu Stoff für Smalltalk mit Spießern, Senioren, Straßenmusikern und dem übrigen Sammelsurium an Salzbürgern, die gelernt haben, ihre Stadt trotz, ja vielleicht gerade wegen ihres Größenwahns und ihrer Hochnäsigkeit zu schätzen.
Denn: Wer viel auf sich hält, hat oft auch ein wenig Grund dazu.
Julia ist 18 Jahre alt, kommt aus Salzburg und das ist ihr Bewerbungstext für die Sommerakademie.