10 Minuten-Skaterstory

credits by namelus / zakir sulema

Shredding the Halfpipe
Über Skater-Ästhetik und das (zweite) Leben als Skater. Und das in nur 10 Minuten.

In Köln ist es heiß. Seit Anfang dieser Woche blieb jeder Tag über 30 Grad. Die Kölner bleiben aber nicht zuhause. In der Schilderstraße reißt der Fluss an Passanten und Touristen nicht ab.Ich bin auf der Suche nach individuellen Geschichten, die jeder Kölner von sich zu erzählen hat. Geschichten, die vielleicht noch kein anderer zu hören bekam. Unter einer Million Einwohnern suche ich eine Geschichte.

Die Schilderstraße ist der falsche Ort um so eine Suche zu starten, hier hat keiner die Zeit 10 Minuten zu reden. Also fahre ich los zum Rheinufer, wo ich mehr Menschen erwarte, die Zeit haben zu reden.

Am Rheinufer sieht es entspannter aus, auf den Asphaltwegen entlang des Rheins treffe ich aber nur auf wenige Menschen. Zuerst auf Moritz. Er sonnt sich und macht Mittagspause. Jetzt in den Sommerferien promotet er Sportevents. In der Hosentasche hat er ein rein gedrücktes Handtuch. Als ich ihn darauf anspreche, beginnt er ganz fasziniert vom Marathonlaufen zu erzählen. 42 Kilometer seien doch anstrengend. „Nein“, sagt er „da muss man nämlich einfach nur durchbeißen“. Sein Durchhaltevermögen, das kommt ihm auch als Student zugute. Dass Moritz Sportmanagement studiert, war eigentlich schlüssig. Als Ausgleich zu langen Partynächten mit anderen Uni-Kollegen, geht er jeden Tag eine Stunde laufen. Konsequent, manchmal auch länger. Wenn es so heiß ist wie heute, ist Moritz nicht so streng mit sich. Da reichen dann auch 40 Minuten Laufen. Nach 10 Minuten Reden muss Moritz aber wieder los.

Eine persönliche Geschichte habe ich aus Moritz nicht raus kitzeln können. In der Sonne zu sitzen war keine schlaue Idee. Die nächste Kölnerin oder den nächsten Kölner will ich im Schatten treffen.

Am Rheinufer sehe ich keine 10 Menschen, nur der neue Skaterplatz entlang des Rheins sieht lebendig aus. Noch vor Kurzem war die Domplatte der Platz für alle Skater. Jetzt gibt es aber am Rheinufer einen neuen Skateplatz. Und hier spreche ich einen Jungen an, der gerade auf seinem Skateboard Tricks probiert. Diesmal setzen wir uns in den Schatten. In den nächsten 10 Minuten will ich die Geschichte von Jan erfahren. Er ist 18 Jahre alt und Skater.
Was bedeutet ihm skaten: ein Hobby oder eine Lebenseinstellung? „Ganz klar, Skaten ist eine Lebenseinstellung“, legt Jan los. Als Skater bist du nicht alleine. Nie. Angefangen hat Jan als er 13 war. Auf der Straße vor der Haustür. Und er war gut. Mit 15 bekam er sogar einen Sponsor. Der hat ihm die teure Ausrüstung besorgt. In dieser Zeit war Skaten auch wirklich sein Leben. Für die Schule hat es trotzdem immer gereicht. Ist Skaten eigentlich ein Sport für immer? Oder muss man diese Lebenseinstellung dann doch irgendwann ablegen? Jan schaut nachdenklich. Er liebt das Skaten – frei, ungebunden, immer mit anderen zusammen auf der Halfpipe. Aber irgendwann muss er vielleicht damit aufhören. Weil die Knochen nicht mehr mitmachen. Zu manchen passt das Skaterstyling auch wenn sie über 30 sind. Jetzt, nachdem Jan sein Abitur bereits hat, möchte er erst mal in eine Lehre gehen. Dann will er BWL studieren, später als Bankkaufmann arbeiten. Genauso wie seine Tante. Passt das denn zusammen, fragen ich ihn – das freie Skaterleben und dann plötzlich ein Leben von der Stange. Dann kommt Jan wieder ins Grübeln. Vielleicht würde ihm die Zukunft auch anderes offen halten. Und wo will er mal wohnen? Er würde in jede Stadt in Deutschland gehen, wo‘s abgeht. Aber nicht unbedingt in den Osten, dort ist es langweilig. Ja, und das Skaten? Ganz forsch sagt er, dass das in Deutschland als Beruf nur schwer machbar ist. Alle guten Skater gehen in die USA.

Styling, auch das macht einen Skater ganz klar aus. Wobei das nicht alles ist, Skaten ist schließlich mehr als enge Hosen und ein Schuhband als Gürtel. Viele ziehen sich ja aber auch nur an wie Skater, meint Jan. Heute sieht er selbst nicht unbedingt wie ein Skater aus, sagt er. Er trägt einen normalen Gürtel. Er erzählt von seinen Kollegen. Ich will wissen, ob er einen Unterschied macht zwischen Kollegen und Freunden oder Kumpels. Nein – alle gleich, alle zusammen. Und gibt es unter Skatern eigentlich auch Möchtegerns? Ja, zur Genüge, sagt Jan. Aber die gehören trotzdem dazu. Keiner wird ausgeschlossen.

Das hätte ich nicht gedacht. Ich sehe auf meine Uhr und es ist viel mehr Zeit als 10 Minuten vergangen. Bei spannenden Geschichten sind 10 Minuten nichts.